Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist



Luxus der Leere

Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt

Verlag Müller + Busmann
Wuppertal 2004
160 Seiten, zahlreiche Abbildungen
ISBN 3-928766-60-0

Schrumpfende Städte, vereinsamende Landschaften: Die aktuellen urbanistischen Debatten werden von sorgenvollen Tönen bestimmt. Weit über eine Million Wohnungen stehen bislang in Ostdeutschland leer und sollen zu großen Teilen abgerissen werden. Auch der Westen bekommt die Wandlungsprozesse zu spüren: Wo traditionelle Produktionsstandorte aufgegeben werden, geraten immer mehr Ausgleichs- und Regelmechanismen ins Wanken. Die Existenzkrise der Wohnungswirtschaft der Neuen Bundesländer ist nur Indikator für einen weitreichenden Wandel unserer altvertrauten sozial-räumlichen und regionalen Strukturen insgesamt.

Der Berliner Architekturkritiker und Publizist Wolfgang Kil hatte als einer der Ersten auf Schrumpfungsphänomene in ostdeutschen Städten aufmerksam gemacht. Nun fasst er seine kenntnisreiche Sicht auf die Probleme in einer Streitschrift zusammen.

Seine These: Das Ende des klassischen Industriezeitalters und die Ära der Globalisierung werden unsere soziale wie räumliche Umwelt genauso durcheinanderwirbeln und prinzipiell neu gestalten, wie das im Zuge der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert geschehen ist.

Sein Plädoyer: Da wir vorab kaum wissen können, wohin die Reise der nachindustriellen Gesellschaft geht, sollten wir alle Kraft auf einen möglichst schmerzarmen Übergang konzentrieren. Besonderes Augenmerk gilt dabei jenen „überflüssigen“ Städten und Landschaften, die im Prozess der Globalisierung als ökonomisch irrelevante Räume aussortiert werden.

(aus der Verlagswerbung)

Rezensionen:

Der Autor denkt gebaute Umwelt und gesellschaftliche Realitäten zusammen. Das macht die Qualität seines Buches aus: Wolfgang Kil seziert seine Thematik in einer dezidierten Abhandlung über die Agonie der ostdeutschen Wohnungswirtschaft und in essayistischen Exkursionen durch Hoyerswerda, Görlitz, Halle-Neustadt und Leipzig-Plagwitz. Die Unterlegung des Textes mit Photographien seiner Reisen lassen den Leser die Leere förmlich spüren. Eine Handschrift aus Fachkompetenz und Leidenschaft, die in den Bann einer scheinbar spröden Thematik zu ziehen vermag. Kil geht es um die Menschen in den betroffenen Regionen. Er will ihnen die „überflüssigen Städte und Landschaften“ zurückgeben. […] Die Publikation „Luxus der Leere“ befördert den Streit um die Epochenwende in den Städten.
Holger Lauinger in der Bauwelt Nr. 31/04


Überaus kenntnisreich und mit vielen Verweisen auf einschlägige Studien und Denkschriften schildert Wolfgang Kil die kritische Situation der ostdeutschen Städte und ihres Umlandes, wie sie nach 1990 durch die weitgehende De-Ökonomisierung und die folgende Abwanderung der Bewohner entstanden ist. Dies freilich immer mit dem Hinweis darauf, dass die ostdeutsche Notlage nur als der drastische Ausdruck einer allgemeinen Tendenz zu verstehen ist – hier verstärkt durch die Überlagerung mehrerer Wandlungsphänomene. […]

Kil begründet, warum der als normal gedachte Zustand gar nicht wieder zu erlangen ist. Denn schrumpfende Städte und verödende Regionen signalisieren das Ende eines Zeitalters. Wir erleben die Schlussphase jener Fortschrittsgesellschaft, die mit der industriellen Revolution ihren Anfang genommen hatte. Diese Revolution „war nichts geringeres als ein Generalumbau sämtlicher Verhältnisse – in Wucht und Wirkung allenfalls den gewaltigsten Katastrophen vergleichbar, die ganze Kontinente bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt und neu aufgeschichtet hinterlassen. Wieso hoffen wir eigentlich, am Ausgang jenes Zeitalters glimpflicher davonzukommen?“ (S. 45)

Der eindringliche Gestus, mit dem hier der Leser auf seine unbegründeten Illusionen geprüft wird, durchzieht den ganzen Essay. Dialogisch und ganz grundsätzlich trägt der Autor sein Anliegen vor. Dies erfreulich undogmatisch und auch wenig festgelegt, doch in der festen Überzeugung, dass alle bisherigen perspektivischen Vorstellungen den hier mitgeteilten Fakten nicht gerecht werden, weil sie nicht mit verständlichen Wunschbildern brechen. Notwendig aber sei der grundsätzliche, möglich auch der individuelle „Rückzug aus der Wachstumswelt“. […] Das schmale Buch also gleich anderen zum Lesen geben. Man geht kein Risiko ein, denn trotz des ernsten Anliegens liest es sich ja mit Vergnügen.
Dietrich Mühlberg in: Kulturation 2/2005


Kil … gehört zu den Pionieren derer, die die drohende Leere im Osten Deutschlands bereits anmahnten, als vom Westen aus auf prosperierende Landschaften spekuliert wurde. […] Was den eigenständigen Aufbau Ost bewerkstelligen sollte, die infrastrukturelle Zurichtung und „Einwestung“, hinterlässt den ostdeutschen Kommunen Büro- und Wohnungshalden, die keiner nachfragt. Gleichzeitig sind die industriestädtischen Strukturen zerstört: Stadtzentren durch Entwertung, Umlandflächen durch Zersiedlung, soziale Integrität durch Segregationen. […] Wer dem Osten helfen will, so Kil, muss ein ganz anderes Paradigma zugrunde legen. Maßgeblich seien bürgerschaftliche Identität, Eigensinn, der lokal verankert ist, und darin begründete Entwicklungsperspektiven. Immerhin habe dieser Bürgersinn 1989 einen Aufbruch erzeugt, der jetzt, anderthalb Jahrzehnte später, in der Routine westlicher Leitvorstellungen unterzugehen drohe. Wolfgang Kil schlägt einen radikalen Wechsel vor. Dabei geht es ihm zunächst einmal darum, die Situation anzuerkennen, die Schrumpfung als Voraussetzung anzunehmen und zum Ausgangspunkt für gänzlich neue Konzepte zu machen. Kils Essay ist eine Streitschrift, die mit Parteinahme und pointierten Urteilen nicht hinter dem Berg hält.
Ruth May in: Das Parlament