Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist



Gründerparadiese

Vom Bauen in Zeiten des Übergangs

Verlag Bauwesen
Berlin 2000
182 Seiten
ISBN 3-345-00747-9

Vierzig Texte aus zehn Jahren engagierter Architekturkritik: Vehemente Einmischungen in Berliner Planungsangelegenheiten, Kommentare zum Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR, Sinnieren über Architektur im Allgemeinen wie übers Architektsein in Ost und West. Und zum Schluss ein Ausblick ins Offene: ein Gang über „Die Insel“.

„Hier ist ganz offensichtlich einer, der Architektur und Politik zusammendenkt, der sich in die Riege der politischen Denker über Architektur einordnet und nicht in die der vordergründig auftrumpfenden Ästheten. […] Hier schreibt einer gegen die ,unverfrorene Leichtigkeit des Scheins‘ an, gegen biegefreudige Anpasser, gegen pflegeleichte Schubladendenker; er schreibt für eine Kritik, die Ursachenforschung betreibt und nicht nur oberflächliche Zusammenhänge darstellt, für eine Betrachtung der Architektur, der der Prozess der Diskussion so wichtig ist wie das ästhetische Endprodukt. […] Er stößt sich geistig und körperlich an der neuen deutschen Mauer aus Überheblichkeit und Desinteresse, deren Existenz unzweifelhaft ist. Hier schreibt einer um sein Leben.“

Ingeborg Flagge, aus dem Klappentext

Rezensionen:

Nun also Wolfgang Kil, der mit der Ost-Biografie: Aufsätze aus zehn Jahren Vereinigungsgeschichte, Einsatz für vergessene Architekten mit sozialem Gewissen wie Hannes Meyer und Hans Schmidt, Einsatz für die baulichen Hinterlassenschaften der DDR, die nicht schöngeredet, aber in ihren Qualitäten (und deren Fehlen) genau betrachtet werden, Erinnerung an die Architekten, die im Rahmen eines systembedingten Korsetts versuchten, den aufrechten Gang beizubehalten. Und Widerstand gegen eine schnelle Vereinnahmung der DDR durch die westdeutschen Usurpatoren – „Kolonialarchitektur“ nennt Kil das; aber, aber! […] Eine solche Perspektive hat heutzutage keine Konjunktur; aber Kil ist da hartnäckig: Da hat einer etwas dagegen, dass seine gebaute Umwelt und die seiner Nachbarn zerschlagen wird aus kommerziellen Interessen. Und ist sprachmächtig genug, das zu sagen.
Gert Kähler in: Bauwelt 37/2000


Kil […] verkörpert das Motto, dass Kritik der Beruf des Intellektuellen sei. Gelebt hat er das auch in Berliner Vorwendezeiten, was ihm den Ruf eines ewigen Dissidenten eintrug. Doch obgleich 1997 mit dem Kritikerpreis des BDA ausgezeichnet, scheint er für viele lediglich eine Art „Vorzeige-Ossi“ der Architekturpublizistik darzustellen. Als wolle er sich an solch verkürzenden Zuschreibungen messen lassen, hat er nun eine ausgewählte Sammlung seiner Aufsätze der letzten zehn Jahre vorgelegt. Und die ist so kurzweilig wie stichhaltig, so kämpferisch wie sublim – wiewohl mitunter nicht ganz frei von Larmoyanz. L'art pour l'art ist Kils Sache nicht. Vielmehr versucht er, die Architektur ins Rampenlicht einer Öffentlichkeit zu befördern, in der die Befindlichkeiten, Zustände, Probleme und Spannungen einer Gesellschaft zum Ausdruck kommen. „In den medienträchtigen Architektur- und Stadtdebatten kommt das dramatisch zunehmende Sozialgefälle überhaupt nicht vor: Die Spaltung der Gesellschaft ist als Naturgesetz längst hingenommen, und deren Verlierer werden – thematisch wie praktisch – an die Ressorts Fürsorge und Innere Sicherheit abgeschoben. Ästhetische Bilderlust und Soziologie stehen einander sprachlos, ja interesselos gegenüber.“ [...] Die Themen, die er aufgreift, lesen sich wie ein Programm. Wie er sie angeht, das steht exemplarisch für seine Wahrnehmung und Wertung: Beim Lob manch unspektakulärer Bauten der Nachkriegsmoderne, ob am Lindencorso in Ostberlin oder bei Behnisch in München oder Bonn, hebt er ihren Entstehungskontext hervor. Seine Auseinandersetzung mit Axel Schultes‘ „Band des Bundes“ erreicht höchstes analytisches Niveau und gewährt einen neuen Zugang zu dieser bundesrepublikanischen Selbstinszenierung. [...] Erklärtermaßen verortet sich Kil in einer Traditionslinie, die durch einige „sozialbewegte“ Köpfen der Zunft gebildet wird: Bruno Taut, Julius Posener, Ulrich Conrads. […] „Gerade weil Architektur so existenziell mit unserem Leben zu tun hat, will ich deren Schönheit an sich gar nicht ergründen. Es gibt keine Architektur ohne Voraussetzungen und Folgen. Diese sind mein Thema. Den bloßen Augenschein, wenn er mir denn zusagt, genieße ich still für mich.“ Für einen Architekturkritiker fürwahr eine bedenkenswerte Aussage.
Robert Kaltenbrunner in der Frankfurter Rundschau vom 7. September 2000


Das Buch „Gründerparadiese. Vom Bauen in Zeiten des Übergangs“ versammelt gut drei Dutzend Beiträge aus den neunziger Jahren (darunter vier Erstveröffentlichungen), die ein atmosphärisch dichteres Bild des wiedervereinigten Deutschland (und insbesondere des wiedervereinigten Berlin) vermitteln, als es die meisten „offiziellen“ Geschichtsbücher vermögen. Wie schreibt Kil im Epilog? „Müsste ich mein Geld als Architekt am Reißbrett verdienen, ich hätte wahrscheinlich Angst vor der blanken Geschichtslosigkeit meiner eigenen Werke.“ Was zunächst wie eine pauschale Architektenscheite klingt, ist in Wahrheit eine beinahe resignative Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit im wiedervereinigten Deutschland, die sich durch nahezu alle, ausnahmslos gut recherchierten und zum kritischen (Nach-)Denken anregenden Texte Kils zieht. Wer sich nicht nur für gesellschaftliche und (bau-) geschichtliche Oberfläch(lichkeit)en interessiert, der kommt um dieses Buch nicht herum.
Oliver Hamm im Deutschen Architektenblatt 10/2000