Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist



Werksiedlungen

Wohnform des Industriezeitalters

Katalog der IBA Fürst-Pückler-Land "Zeitmaschine Lausitz"

Verlag der Kunst
Dresden 2003
148 Seiten, mit s/w-Fotografien von Gerhard Zwickert
ISBN: 3-364-00447-1

Seit gegen Mitte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung Deutschlands begann, wurde die Unterbringung der Arbeitermassen für die neu entstehenden Betriebe zunehmend zum Problem. Die Ansiedlung der Proletarier erfolgte auf zweierlei Weise: in den berüchtigten Mietskasernen, die sich zu den tristen Arbeitervierteln der Gründerzeit ausdehnten, und später in sogenannten Arbeiterkolonien am Rande der alten Stadtkerne. Doch ging es bei letzteren weniger um Nähe zur Natur, als vielmehr um die möglichst direkte Nachbarschaft zum Betrieb.

Nach einem allgemeinen geschichtlichen Abriss der typologischen Entwicklung von Werksiedlungen in Deutschland werden einige vertiefende Fragen dieser Wohnform anhand von Beispielen aus dem Lausitzer Revier, speziell der Ilse-Bergbau-AG, ausführlicher illustriert. Unter den hier anzutreffenden Siedlungen gehören zumindest „Marga“, „Grundhof“ und die „Gartenstadt Lauta“ ganz sicher zu den maßgebenden Beispielen im gesamtdeutschen Rahmen, was sich in dem enormen Sanierungs- und Restaurierungsaufwand für diese beiden Standorte niedergeschlagen hat. Daneben werden in dem Katalogbuch aber auch weniger bekannte Siedlungsprojekte vorgestellt, die sich heute in entsprechend prekärem Zustand befinden und von akutem Verlust bedroht sind.

Ein abschließender Exkurs widmet sich der Fortschreibung der Werksiedlungstradition unter den Bedingungen der DDR-Industriepolitik sowie den Konsequenzen, die die weitreichende Deindustrialisierung Ostdeutschlands für diese rein industrieabhängigen Wohnstandorte hat.

Rezensionen:

Der Einfamilienhausherden überdrüssig, die sich an den Stadt- und Dorfrändern herumtreiben, blickt man versonnen auf die alten Werksiedlungen – etwa auf die, welche nach 1900 in der Lausitz entstanden sind: die Architektur von bemerkenswerter Stattlichkeit, die raumbildende Gruppierung der Häuser von sympathischer Kompaktheit. Selbst wenn, wie Wolfgang Kil in seinem erzgescheiten Essay beschreibt, in der sozialen Wohltat immer auch soziale Kontrolle steckte, bewundert man die stilistische Würde. Und beklagt den Verlust, der sich in Verwahrlosung oder blinder Komfortabilisierung zeigt. Beides führt das Buch vor Augen.
Manfred Sack in: Die Zeit Nr. 24/2004


Worum es Kil und Zwickert geht, wird bereits durch ein Bild auf Seite 17 deutlich: Ein Gasthaus „Hoffnung“, das seine Namensgeberin schon lange verlassen hat. Man ist an gestrandete Fischkutter in der Salzwüste erinnert, die einmal der Grund des Aral-Sees war. Und dann muss man lesen – nicht zu viel, Wolfgang Kil nimmt auf diejenigen, die lieber blättern, durchaus Rücksicht. Trotzdem wird vor sorgfältig recherchiertem Hintergrund in die Zusammenhänge zwischen sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Prozessen und ihrem prägenden Ausdruck in Werksiedlungen und Kolonien hineingeführt. Wo gerade jede größere Wohnsiedlung wieder als „Gartenstadt“ firmiert, gebührt der Publikation das besondere Verdienst, erneut die sozialpolitischen Ambivalenzen dieses Reformwohnungsbaus in Erinnerung zu rufen. Wichtig auch die Klärung der siedlungstypologischen Merkmale eines Siedlungsbaus, der durch strenge Hierarchie und soziale Kontrolle bestimmt ist.

Die Beschreibung der Siedlungen selbst ist knapp und so dicht und differenziert zugleich, dass sie den Leser als hinreichend wissenden und sehenden Betrachter der zugehörigen Fotografien entlassen kann. Ein wenig mehr Verbindung zwischen den brillanten Aufnahmen und den Lageplänen, und sei es durch ein Abbildungsverzeichnis im Anhang, wäre sinnvoll gewesen. Der Rezensent hat die „Gartenstadt“ Lauta-Nord an einem Dezembertag 1994 zufällig gefunden. Dass die Siedlungen hier sachkundig vorgestellt sind, war überfällig. Zwar wird man die Orte auch jetzt wieder suchen müssen – viel hilft die kleine Karte nicht – aber mit dieser Publikation im Koffer lohnt die Reise.
Wolfgang Schwinge in: Deutsche Bauzeitung 10/2003