Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist



Neue Landschaft. Sachsen

11 Zustandsberichte und eine Polemik

Herausgegeben von Wolfgang Kil
im Auftrag der Architektenkammer Sachsen

Verlag der Kunst
Dresden 2001
128 Seiten
ISBN 978-3-86530-034-8

Zehn Jahre nach der „Wende“ machen sich neun Textautoren und drei Fotografen auf, um die Veränderungen im neuen alten Freistaat Sachsen zu erkunden. Ihre Situationsberichte aus Stadt und Land, von alten Häusern und neuen Lebensgewohnheiten sind so vielgestaltig wie die Temperamente der einzelnen Autoren - oft nachdenklich, manchmal auch ironisch. Von einer Ankunft im ruinenreichen Leipzig der Wendezeit bis zur skeptischen Bilanz neuer Dresdner Prächtigkeit reichen die literarischen Berichte.

Eine „Zugewanderte“ denkt am Elbestrand über unterschiedliche Heimatbegriffe in Deutschland nach, ein streitbarer Essayist reflektiert die grassierende Sehnsucht nach der Vergangenheit. Über den langen Streit um das neue Chemnitzer Stadtzentrum wird ebenso räsoniert wie über die ganz persönliche „Aufbauhilfe“ eines heimgekehrten Patriarchen für eine darbende Stahlarbeiterstadt. Ein Kapitel ist dem schwierigen Schicksal der einstigen sozialistischen Modellstadt Hoyerswerda gewidmet. Mit diesem Lesebuch möchte die Architektenkammer Sachsen auf den nahezu alles umgreifenden Wandel in ihrem Bundesland aufmerksam machen, an dessen Ausformung nicht zuletzt ihre Mitglieder - Stadtplaner, Architekten und Freiraumgestalter - einen unübersehbaren Anteil hatten. Die Autoren, zu denen mehrere Mitglieder der Sächsischen Akademie der Künste zählen, sind: Torsten Birne, György Dalos, Friedrich Dieckmann, Annett Gröschner, Wolfgang Kil, Angela Krauß, Uwe Rada, Thomas Rosenlöcher und Gunnar Volkmann. Die Fotoessays stammen von Rudolf Hartmetz (Bautzen), Petra Steiner (Dresden/Berlin) und Steffen Wirtgen (Radebeul).
aus dem Verlagsprogramm

Rezensionen:

Eine Art Bestandsaufnahme hatte die Architektenkammer Sachsen zu ihrem zehnjährigen Bestehen beim Herausgeber in Auftrag gegeben. Keine weitere Hochglanz-Zusammenstellung der neu entstandenen Bauten sollte es sein, sondern ein Blick auf die Veränderung im Großen und Kleinen, im Öffentlichen und Privaten. Städte, Dörfer und Landschafen sind die Schauplätze, ihre Bewohner die Akteure der Geschichten im Sachsen der Nachwendezeit. Sie erzählen vom „guten Menschen von Gröditz“, der das Flair seines Ruhesitzes auf Teneriffa in seinen sächsischen Heimatort bringen wollte, vom Chemnitzer Stadtzentrum und seinen gescheiterten Aufbauakteuren, vom schönen Görlitz in der wirtschaftlichen Warteschleife, vom Laboratoriums-Charakter des Leipziger Stadtteils Plagwitz, von Hoyerswerda und dem Dresdner Sandstein-Fanatismus sowie der Frage nach der Rolle der Iteration beim Heilungsprozess der Städte. Es ist kein fröhliches, kein euphorisches Bild, das in Texten von neun Autoren sowie Fotoessays von Steffen Wirtgen, Petra Steiner und Rudolf Hartmetz gezeichnet wird. Vielmehr liefern sie einen Zustandsbericht der Befindlichkeiten zwischen Stadtumbau und Restaurierungswahn, zwischen Bevölkerungsschwund und dem Agieren westdeutscher Entscheidungsträger. Entstanden ist ein Lese- und Bilderbuch, das die Frage nach der Realität in den einst versprochenen blühenden Landschaften mit einer Liebenswürdigkeit beantwortet, die Unmut und Bedauern hervorruft, aber auch Kraft gibt und Mut macht.
Friederike Meyer in: Bauwelt 24/2001