Bleiberecht zum Höchstgebot?




Am Anfang war der Leerstand. Vor geschlossenen Fabriken, aufgelassenen Militärarealen oder zugenagelten Bahnhöfen konnte man noch tapfer die Augen verschließen. Ein jahrelang verrammeltes Kaufhaus oder das einst glamouröse, heute verrottende Premierenkino im Herzen der Innenstadt waren schon schwerer zu ignorieren. Eine Million leere Wohnungen in Ostdeutschland endlich gaben Anlass für Alarm: Technologischer plus demografischer Wandel zwingen die Gesellschaft, sich neu zu sortieren. Auch Disparitäten verteilen sich neu: Städte schrumpfen, Regionen entleeren sich. Für davon betroffene Wohnungsunternehmen ging es ums blanke Überleben. Ab jetzt war von Leerstandskrise die Rede. Krise kann Panik erzeugen, doch auch zu Neuem Denken ermutigen – getreu Karl Gansers optimistischer Drohung, dass es jemandem nur erst so richtig schlecht gehen müsse, dann sei er auch bereit, ausgetretene Pfade zu verlassen.[1]


„Räume für ein nicht entfremdetes Leben“ (Boris Sieverts)

In ihrer Anfangsphase verbreitete die Schrumpfungsdebatte vor allem Furcht und Schrecken, aber sie weckte auch manch hochgestimmte Erwartung. „Warum in den nicht mehr systemisch integrierten Räumen … nicht neuen Sinn entdecken, Lebensqualität und Abenteuer?“[2] fragte etwa die Berliner Planungshistorikerin Simone Hain, und in den verlotterten städtischen Randlagen zwischen Rhein und Ruhr begann Boris Sieverts seine Wanderungen mit „den Neugierigen und Tatendurstigen, die Zonen mit utopischem Potenzial suchen für soziale und gestalterische Experimente im Sichtschatten unserer kontrollierten Welt. Wo Lebensräume durch Gebrauch und nicht durch Eigentum definiert werden. In diesem Sinn sind sie Raum für ein nicht entfremdetes Leben.“[3] Sogar der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI ließ das Innovationspotenzial entspannter, weil aus der Nachfrage entlassener Areale untersuchen, wo „Bodenwerte und Regelungsdichte niedriger sein können als in hochverdichteten Räumen. Wo also Freiräume und Milieus entstehen können, die die Risikobereitschaft für das ideologiefreie Aufgreifen von Tabuthemen erlauben (z.B. Müllverarbeitung, Hanfanbau, Verschenken von Land etc.) und die attraktiv sind für Menschen mit alternativen Lebensentwürfen.“[4]

Von solchen Träumen und Visionen ermutigt, machten sich Scouts und Sondeure auf, um in schrumpfenden Städten und Regionen den vielen leeren Häusern und Brachflächen mit kulturellen und sozialen Projekten neuen Nutzen abzugewinnen. Genau jene Problemorte hatten es ihnen angetan, die Planern und Verwaltern auf der Seele lagen. Dafür ernteten sie Dankbarkeit, und es dauerte auch gar nicht lange, da wurde ihnen ein Etikett verliehen, das nur ehrenvoll gemeint sein konnte: Raumpioniere. Ein wirklich trefflicher Titel! Denn um was es ihnen ging, war ja RAUM. Genauer, noch einmal mit Boris Sieverts, „Raum für ein weniger entfremdetes Leben“.

Inzwischen, ein reichliches Jahrzehnt später, klingt alles deutlich anders. In ostdeutschen Großstädten werden bisherige Problemviertel plötzlich zu überraschenden Aufsteigern in den Immobiliencharts: „Die Werkzeuge Zwischennutzung sowie künstlerische Aktionen zur Imageverbesserung waren erfolgreich. Leerstehende Häuserblocks wurden gekauft, saniert und sind inzwischen wieder vermietet. Zum Teil entwickelt sich der Wohnungsmarkt so gut, dass die kreativen Newcomer kaum noch Räume für ihre Nutzungen finden.“[5] In solchen Berichten schwingt Erleichterung mit, sogar ein bisschen Selbstzufriedenheit. Die Regeln des Immobilienmarktes scheinen wieder zu greifen. Ist die Krise tatsächlich gebannt?

Ein anschauliches Beispiel für den durchaus zwiespältigen Wandel der Verhältnisse kann der Postkult e.V. in Halle liefern, ein 2007 von Studenten gegründeter Verein für Jugend- und Sozialprojekte, der ursprünglich kreuz und quer durch die Saalestadt vagabundierte. Im Rahmen der IBA Stadtumbau 2010 kamen sie erstmals auch in den Stadtteil Glaucha. Weil das benachteiligte Quartier sich für ihre Aktivitäten besonders aufgeschlossen zeigte, nisteten sie sich in zwei leeren Läden ein und nahmen Kontakt zu den Nachbarn auf. Das Nomadendasein verbraucht viel Kraft, sie wollten endlich eine feste Bleibe. Als erstes zauberten sie aus einem Ruinengrundstück einen „Nachbarschaftsgarten“. Auf der Parzelle dahinter vergammelte ein kleiner Gewerbehof. Von solcher „Leerstandsvielfalt“ hatten sie geträumt. Doch während ihre Gärtnerei auf der Ruinenbrache vom Eigentümer großzügig geduldet wurde, hieß beim Gewerbehof die Bedingung ganz klar: Kaufen!

Für das Projekt „Jugend belebt Leerstand“ hat Alexander Hempel, ein Mitbegründer des Vereins, recht anschaulich die „inneren Hürden“ beschrieben, die vor Eintritt in die Welt des Grundbesitzes zu überwinden waren: „Beim Nachbarschaftsgarten war der Verein noch nicht reif genug. Wir hatten wohl zu viel Respekt vor Immobilieneigentum.“ Beim zweiten Anlauf, als sie sich für den Kauf ihres Gewerbehofes bewarben, half ihnen (neben einer moderaten Kaufsumme, die durch Mikrokredite aufzubringen war) ein Kunstgriff zur Selbstermutigung: Sie nahmen sich vor, den Rollentausch – vom Nutzer zum Besitzer – als ein „Projekt zur Stärkung der Vereinsidentität“ zu begreifen. Von Anfang an war klar, welch heikler Drahtseilakt ihnen bevorstand: „Das Grundstück darf niemals zum Selbstzweck werden. Es muss immer Rahmen für unsere Aktivitäten, also ein Mittel für unsere eigentlichen Zwecke sein.“ Und dann die Konsequenz: „Auf das Prädikat ‚Leerstandsnutzer‘ müssen wir nun wohl verzichten.“[6]

Solche Probleme einer neuen Sesshaftigkeit wollten die Gründer des Leipziger Vereins HausHalten e.V. von vornherein vermeiden. Ziel ihrer Initiative war es ursprünglich, für von Verfall bedrohte, aber stadträumlich wichtige „Wächterhäuser“ Vereine und Akteure der Kreativwirtschaft zu finden, die zu den reinen Betriebskosten die gefährdeten Objekte nutzen. Die Vereinbarungen zwischen den Eigentümern der leeren Häuser und den zur Mindestpflege bereiten Zwischennutzern sollten einen unklaren Zustand überbrücken. „Wächterhäuser“ waren also per definitionem auf Zeit angelegt. Es ging einzig darum, den Verlust der betreffenden Gebäude zu verhindern.

Auch den Leipziger „Hauswächtern“ ist die neue Lage nicht entgangen, weshalb sie neuerdings betonen, dass es auch anders geht: Hier und da würde ein Haus von seiner Nutzergruppe übernommen, in einem Fall hätten exmittierte Zwischennutzer sogar als Verein sich ein Haus an anderer Stelle gekauft. Die veränderte Strategie lautet: „Von der Sicherung der einzelnen Immobilie hin zum Erhalt der gewonnenen Freiräume“, was bedeutet, „die ursprünglichen Zwischennutzer der Wächterhäuser langfristig an ‚ihre‘ Immobilie zu binden, Verträge zu verlängern oder eventuell sogar den Erwerb eines Hauses zu unterstützen.“ Waren Hauswächter bislang mutige Streiter in einem riskanten Prozess mit durchaus offenem Ausgang, so porträtiert man sie neuerdings als „Pioniere, die angekommen sind“.[7]

Ankommen, um zu bleiben – wenn dies nun zum erklärten Ziel sogar der Wächterhäuser wird, dürfte das diverse Zwischennutzer-Initiativen vor grundsätzliche Probleme stellen: Wie oft sind es Studenten, Künstler und anderes unstetes Volk, die sich voller Elan dem improvisierenden Leben verschreiben. Sie sind auf der Suche nach Erfahrungen tausenderlei Art – bloß nicht erpicht auf Kredit-, Grundbuch- oder Abschreibungsfragen. Und es empfiehlt sich, genau hinzuhören: Sobald es ums Ankommen geht, ist von Räumen keine Rede mehr. Ab jetzt geht es um Immobilien. So können etwa beim Nachfolgemodell des „Wächterhauses“ – das jetzt „AusBauHaus“ heißt – bleibewillige Bewohner „‘ihr‘ Haus nach eigenen Vorstellungen umbauen und haben ein langfristig günstiges Mietverhältnis“[8]. Aus den vormaligen Zwischennutzern sind jetzt Selbsthilfemieter geworden. Der alte (oder neue) Eigentümer darf wieder mit regelmäßigen Einnahmen und, dank der investierten Muskelhypothek seiner Mieter, sogar mit einer Wertsteigerung seiner Immobilie rechnen. „Man kann den Erfolg einer Zwischennutzung auch an der Bodenpreissteigerung erkennen“, so die nüchterne Analyse von Matthias Bürgin vom Schweizer Büro Metis. Bei ihnen in Basel habe dieser Wertzuwachs leider gegen 400 Prozent betragen, wovon nicht ihr Verein, sondern die Eigentümer profitierten. „Da fühle ich mich als Zwischennutzer manchmal ganz schön ausgenutzt.“[9]


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