Auch Großsiedlungen eine eigene Geschichte gönnen

Warum aus Neubauten manchmal erst Altbauten werden müssen



„Plötzlich ist es ‚in‘, wieder ‚urban‘ zu wohnen“, weshalb Dankwart Guratzsch, Hausautor der Tageszeitung Die Welt und bekennender Altstadtfreund, unlängst wieder zu einem Rundumschlag ausholte: „Die Soziologen müssen einsehen, dass sie mit ihren Analysen über die Wohnwünsche und -bedürfnisse der Städter ein Jahrhundert lang falsch gelegen haben.“ Mehr noch, die „entmachteten Sozialingenieure“ sollten endlich zur Kenntnis nehmen, dass – anders als in Zeiten „gewaltigen ideologischen Überschwangs“ – heute „die Armen, Alten und Ausländer dorthin vertrieben und ausgelagert werden, wo die Sozialreformer fälschlich die Zukunft städtischen Wohnens gesehen hatten: in die Großwohnsiedlungen der Sechzigerjahre."

Was für ein schrilles Lamento! Doch die hier anklingende Abneigung gegen das Wohnmodell Großsiedlung ist wahrlich nicht neu. Seit Mitte der 1970er Jahre, als die Wiederentdeckung der alten Innenstädte zu einem Paradigmenwechsel im planerischen Denken führte, werden in stadtpolitischen Debatten unentwegt solche Attacken geritten. Ging es früher um „Licht, Luft und Sonne“, wird seither allerorten auf „eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ gepocht. Diskussionen darüber, wie eine Gesellschaft ihre Behausungsprobleme zu lösen versucht, folgen Konjunkturen. Andere Zeiten hatten andere Ideale, erstrebten andere Ziele. Und noch immer scheint jede Generation die Ideen und Taten ihrer Vorgänger erst einmal geißeln zu müssen – wobei sie in aller Regel weit übers Ziel hinaus schießt, indem sie das eben noch gepriesene Modell der Alten zum Feindbild schlechthin erklärt. Das war schon so, als Stadtbaurat Werner Hegemann 1930 in seiner Streitschrift Das steinerne Berlin mit den Mietskasernen der Gründerzeit abrechnete, und es wiederholte sich gut dreißig Jahre später, als der Publizist Wolf-Jobst Siedler mit seinem elegischen Essay Die gemordete Stadt gegen die nunmehr als „gesichtslos“ und „anonym“ gescholtenen Wohnsiedlungen der Moderne zu Felde zog, gegen den „Bauwirtschaftsfunktionalismus“, das „familienfeindliche Abstandsgrün“ und die „Seelenlosigkeit des Betons“. Dann, nach wiederum dreißig Jahren, machte der taz-Journalist Uwe Rada seine Generation Alex ausfindig, jene aufbegehrenden Kinder, die sich von den hartkantigen Figuren modernen Bauens nicht länger abschrecken, sondern plötzlich erneut faszinieren ließen. Steht also der nächste Pendelschlag bevor? Sucht der Zeitgeist wieder mal Tapetenwechsel – weg vom Stuckornament, hin zur kahlen Sichtbetonwand?

Meinungskampf um das „richtige“ Leben

Das Problem, so dürfte deutlich geworden sein, steckt zum einen in dem Wörtchen ästhetisch. Denn unter allen Kriterien, derer sich Menschen bei ihrer Weltbetrachtung bedienen, zählt die Ästhetik zu den flüchtigsten Fähnlein im Winde, weshalb schon der bedeutende Wiener Architekt Adolf Loos (1870-1933) vor einer Überbewertung des schönen Augenscheins warnte: „Änderungen des alten Stadtbildes dürfen nur aus praktischen Gründen, niemals aber aus ästhetischen Gründen erfolgen. Ästhetische Gründe unterliegen der Wandlung, und da wir bisher immer unrecht gehabt haben, werden wir in alle Zukunft unrecht haben.“

Doch im andauernden Meinungskampf um das „richtige“ Leben in der Stadt tritt noch ein anderer Konflikt zutage. Großsiedlungen werden von ihren Bewohnern, wie auch von ihren Betreibern, zumeist anders gesehen und bewertet, als von den Meinungsmachern der Medienöffentlichkeit. Letzteren bleibt in aller Regel die Insiderperspektive fremd, dem Phänomen Großsiedlung nähern sie sich als Flaneure. Umso empfänglicher sind sie für (Vor)Urteile, die der Zeitgeist serviert. Wer nun aber urbanes Leben auf Sightseeing, Kaffeehausbesuche und Konsumgenuss reduziert, wird in weniger mondänen Stadtvierteln, in den Seitenstraßen der „kleinen Leute“ oder gar in Stadtrandsiedlungen nur schwerlich Lobenswertes finden.


    weiterlesen