Vom Heimischwerden




„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Wenn man die in der DDR gern zitierte Devise humanistischer Erzählfotografie noch um einen anderen Gemeinplatz der Bildertheorie ergänzt – „Man sieht nur, was man weiß“ – dann stehen wir hier, angesichts von Harald Kirschners Impressionen aus Leipzig-Grünau vom Anfang der 1980er Jahre, vor einem an Details und somit an Auskünften geradezu überquellenden Gesellschaftspanorama. Wobei der Eine oder die Andere durchaus unterschiedliche Auskünfte erhalten mag.

Ich will zwei Beispiele herausgreifen:

Da stehen zwei Knirpse, Kindergartenalter, wahrscheinlich (aber nicht zwingend) Bruder und Schwester, auf alle Fälle: Nackedeis, beiderseits einer PVC-Kinderbadewanne. Sie schwenken Luftballongummis mit einer Gestik, als prosteten sie sich mit Sektkelchen zu. Die Szene spielt im strubbeligen Gras, das unschwer als Vorgarten eines Sechsgeschossers, Typ P2 oder WBS70 auszumachen ist, denn gleich hinter den Nackedeis erklimmt eine Fertigteil-Freitreppe mit schlichtem Bandstahlgeländer den Eingang zum Wohnblock, in dem die beiden offensichtlich zuhause sind. Das Zuhausesein wird noch unterstrichen durch den noch recht jungen Vater (so nehmen wir jetzt einfach mal an), der im Hintergrund auf dem nachlässig verlegten Plattenweg zur Treppe hin seinen Liegestuhl aufgeschlagen hat. Macht sich‘s bequem unterm Balkon wie auf‘m Campingplatz, denn es ist ja sichtlich Hochsommer, bloß mit Bademöglichkeiten sieht es nicht allzu gut aus… Also wird die Badewanne aus dem Hauswasserhahn befüllt. Die junge Familie (Mutter müssen wir uns hinzudenken) wohnt sicher schon ein Weilchen hier, denn der Elan der ersten Arbeitseinsätze zur Pflege des gemeinsamen Vorgartens vor dem Block haben sichtlich nachgelassen. Immerhin – Papa nimmt sich Zeit für die Sprösslinge: richtig demonstrativ Zeit, was man an den Bierflaschen erkennt, die er sich mit runtergebracht habt, und an dem dicken Buch, dass er im Schoß aufgeschlagen hält – den Wälzer, den er sich nun am Wochenende endlich vornehmen wollte…

Wohnungsbauprogramm, Wohngemeinschaft, Familienpolitik, junge Elternschaft, Campingbegeisterung, Leseland, Alkohol, FKK … Es ist schon erstaunlich, was für eine Menge Stichworte und Klischees sich aus diesem einen Foto herauskitzeln lassen.

Oder jenes andere, auf dem es bei weitem nicht so familiär, eher handfest gesellschaftlich zugeht: Auch hier wieder Kinder, aber auch Jugendliche, ein großes Gewusel mitten im Chaos einer Baustellenlandschaft. Im Vordergrund reicht eine Kette halbwüchsiger Jungs Betonformsteine durch, von einem Transportkarren in der Bildmitte zu einem Bauplatz irgendwo im Rücken des Fotografen. Im Hintergrund dieses regelrechten Wimmelbildes spielt ein FDJ-Musikzug in festlicher Paradeuniform, d.h. mit weißen Kniestiefeln im lehmigen Modder, spielt da scheinbar einfach ins Blaue hinein, denn ein Publikum für die festliche Darbietung ist nicht auszumachen: Die Jungs im Vordergrund sind mit sich und den Betonklötzen beschäftigt, ein paar kleinere Schulkinder sitzen verloren weit rechts am Rand einer noch unverfüllten Baugrube für die Kanalisation. Was geht hier vor?

Das ist ein ins Bild gesetzter Subbotnik, d.h. die Schüler der nächstgelegenen Schule helfen in einem „freiwilligen“ Arbeitseinsatz auf der Baustelle einer – angesichts der Betonformsteine würde ich sagen – Kaufhalle, den vermutlich in Verzug geratenen Plan doch noch zu erfüllen. Und weil in der (nach Wolfgang Engler) „arbeiterlichen Gesellschaft“ produktives Tätigsein – zumal freiwilliges – auch etwas Festliches sein soll, wird dem Arbeitseinsatz musikalische Umrahmung zuteil.

Als ich den Fotografen bat, dieses Foto unbedingt in die Ausstellung zu hängen, schien ihm das peinlich zu sein. Wohl fürchtete er Missverständnisse, denn unter den schuftenden Jungs im Vordergrund sind doch tatsächlich einige, die LACHEN. Und „Fröhliche Aufbauhelfer“ – das war eines der gröbsten Klischees, die die offizielle Bildpropaganda der DDR wieder und wieder bemühte. Aber, lieber Harald, die Zeiten, da man als Fotograf jedes Lächeln im Gesicht eines Zeitgenossen tunlichst vermied, um nicht in den Verdacht staatsnaher Lobhudelei zu geraten, die Zeiten sind doch vorbei. Hoffentlich.

Mich überraschte beim Betrachten gerade dieses Bildes (da sind noch ein paar andere, mag jeder seine eigenen finden), mich also überraschte, wie sehr diese vom Fotografen gänzlich ungestellt ertappte Veranstaltung im Grunde jenen pathetischen Produktions-Kunst-Projekten ähnelte, mit denen einst, in den 1920er Jahren, die ungestümen Revolutionskünstler der sowjetrussischen Avantgarde antraten, die „befreite, befreiende Arbeit des Kollektivs“ zu feiern und als große Freudenspektakel zu zelebrieren. Zugleich aber verstört die Zusammenhanglosigkeit der einzelnen Motivbausteine. Alle gucken in eine andere Richtung – die scharwerkenden Jungs, das Musikkorps, das lose verstreute Publikum. Eine szenische Collage wie auf der Bühne eines konstruktivistischen Theaters, oder wie vom Set eines surrealistischen Films – mitten in Leipzig-Grünau, im schon recht späten Jahr 1982.

Wer, der nicht dabei gewesen ist, hätte das gedacht? Und wer, der dabei gewesen ist, erinnert sich heute noch daran?


***


Von der Welt dieser Bilder trennen uns heutige Betrachter mehr als nur drei Jahrzehnte. Die hier fotografisch dokumentierten Stadträume sind nicht einfach nur „in die Jahre“ gekommen, wie man das natürliche Älterwerden von Menschen wie auch Stadtteilen umschreibt: als das Verschwinden der Schuttberge und Schlammpfützen, als den von den Eltern heiß ersehnten Sieg von Asphalt und Beton über die Abenteuerwelt ihre Kinder, als das allmähliche Eingrünen der Vorgärten und öffentlichen Freiräume, als langsam breiter werdende Schatten der Bäume und Sträucher. Dann bald auch als Schäbigwerden der Fassadenanstriche, als erster Rost an den Lampenmasten oder den Haltestellen der Straßenbahn.


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