Inseln besonderer Freiheit


Mit Bauausstellungen nach neuen Wegen suchen
(Auszüge)


IBA Emscher-Park – Neues Denken am Epochenrand

Behutsamkeit: So lautete der Wendebegriff, die sich im gesellschaftlichen Bewusstsein einzunisten begann, seit 1972 der Club of Rome mit seinem aufrüttelnden Manifest über die „Grenzen des Wachstums“ an die Endlichkeit unseres Planeten erinnert hatte. Doch damit schien auch das Prinzip Bauausstellung an ein Ende gekommen. Zum ersten Mal hatten die im alten Westberlin entwickelten Strategien für Kreuzberg grundsätzlich infrage gestellt, ob mit „besserem Bauen“ sich die nun anstehenden gesellschaftlichen Probleme überhaupt bewältigen lassen würden – Probleme längst nicht nur sozialer, sondern zunehmend auch ökologischer Art. Und stand die Welt denn nicht vor Umbrüchen ungeahnter Dimension? Begeistert hatten alle früheren Weltausstellungen, Werkbundschauen und auch noch die beiden Berliner IBAs den Fortschrittsdrang des Industriezeitalters gefeiert. Im Verlauf der 1980er Jahre sah man sich plötzlich mit dessen absehbarem Ende konfrontiert.

Für Deutschland hatte es im Ruhrgebiet begonnen: „Als gegen Mitte der zweiten Jahrhunderthälfte der bittere Stolz des Reviers in sich zusammenzufallen begann, [...] als unendliche viele Menschen ihre generationenlang gewohnte Arbeit verloren, als damit ihr Selbstbewusstsein beschädigt wurde und das begann, was man Identitätskrise nennt, da wurde die fortan alles bestimmende Vokabel geboren: Strukturwandel.“[1] Nur allzu gern verbarrikadierten sich Wissenschaftler wie Politiker hinter dem unscharfen Begriff, während im Schatten verlassener Fördertürme, erkalteter Hochöfen und stillgelegter Walzstraßen deprimierende Realitäten um sich griffen. Das Zechensterben verwandelte unendlich viele Flächen in verwildernde Brachen. Unkonventionelle Ideen waren gefragt. Und wieder setzte eine Landesregierung aufs Experimentieren, wählte als Instrument dafür eine IBA. Doch anstatt enthusiastischer Leistungsschau oder avantgardistischer Trendparade hieß die Aufgabe jetzt Schadensbegrenzung, Ermutigung. Nicht eine einzelne Stadt bedurfte neuer Orientierung, diesmal war eine ganze Region auf der Suche nach neuem Sinn.

Neuen Sinn hofften die Vordenker der IBA Emscher Park nicht zuletzt im Stolz auf eine ehrbare Vergangenheit zu finden. Dazu waren allerdings ganze Wertesysteme kulturell neu zu besetzen. „Wohl fiele es keiner Stadt und keinem Land ein, verlassene Schlösser abzureißen. Aber eine Kokerei? Ein stählernes, Rost ansetzendes Monstrum, das wie ein Industrieleichnam wirkt, gespenstisch in seiner Verlassenheit? Schön?“ Man muss es als das bleibende Verdienst der Ruhrgebiets-IBA würdigen, dass sie nicht, wie zuvor üblich, in trotziger Fortschrittseuphorie sonnigen Zukunftsideen anhing, sondern zuerst einmal nach Herkünften fragte, nach dem gemeinsamen Erbe einer Region und den Identitäten, die sich daraus speisten. Sie begann damit, die „unerkannten Schönheiten“ des Reviers ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, um sie dann „nach Kräften für neue Inhalte nützlich zu machen, um uns und denen, die nach uns kommen, die Geschichte der Arbeit anschaulich zu erhalten: Vergangenheit, die man besichtigen kann.“[2] Indem sie der von vielen Menschen gering geachteten Maschinenwelt der Gruben und Fabriken eine neue, positive Aufmerksamkeit widmete, begann die IBA Emscher Park sich an den ökonomischen wie sozialen Verwerfungen abzuarbeiten, die die jetzt anstehende Epochenwende der Globalisierung mit sich bringt. Es ging um Lagebeschreibung, um neue kulturelle Deutungen, um soziale Aushandlungen, künstlerische Experimente. Politiker, Planer und nicht zuletzt auch die direkt betroffenen Menschen mussten überhaupt erst einmal begreifen, welche Auswirkungen das Ende des Industriezeitalters für ihre Region haben könnte. Das schiere Übermaß an Brachen und Industrieruinen rief das neue Leitbild der „Behutsamkeit“ geradezu auf den Plan, und folgerichtig begann sich das Schwergewicht der IBA-Aktivitäten zur Neunutzung vorhandener Baulichkeiten hin zu verlagern. […]

Unter dem Banner Industriekultur hatte die IBA Emscher Park gezielt die globale Perspektive gewählt: Ihr Thema waren der ökonomische und soziale Wandel, der in aller Welt zum weitreichenden Umbau der bisherigen Industriegesellschaften führt. Ein für alle Beteiligten entscheidender Lernprozess, denn in der Auseinandersetzung mit der realen Lage, mit dem vorhandenen Bestand drang die Ruhrgebiets-IBA überhaupt zur eigentlichen Dimension ihres Auftrags vor: Für die Bewältigung einer Epochenwende würde es nicht reichen, lediglich Phantasiemodelle und Wunschszenarien für neue Lebensweisen zu entwerfen. Stattdessen war ein möglichst behutsamer Umgang mit jener Welt zu finden, die das gerade zu verabschiedende Zeitalter zurückgelassen hat. Recycling, das Prinzip der Wiederverwendung, war auch als ästhetische Antwort gemeint auf die – seit 1972 geforderten – Normen und Moral einer ökologischen Vernunft.


IBA Lausitz – Pläne schmieden im Status des Ernstfalls

„Anfangs dachte man noch, dass, wenn die eine Industrie gehe, eine andere kommen werde“, erinnert Manfred Sack an die noch lange herrschende Stimmungslage im Ruhrpott, „ein Irrtum, dem man viel später nach der Vereinigung Deutschlands auch in Ostdeutschland noch einmal aufgesessen ist.“[3] Das „Revier“ der Ostdeutschen aber war die Lausitz, die vormalige Energieregion der DDR. Auch hier hatte eine Ära hemmungsloser Produktivität ein Ende gefunden. Wo unlängst noch Bagger gerasselt, Schlote gequalmt, Kühltürme gedampft hatten, dräuten plötzlich Industrieruinen. Arbeitslosigkeit, Sinnkrise, Abwanderung bestimmten das soziale Klima.

Vor allem in der Anfangsphase der IBA Lausitz ist auf die konzeptionelle Verwandtschaft mit der vorangegangenen Veranstaltung im Ruhrgebiet immer wieder gern verwiesen worden. Doch im ausgepowerten Braunkohleland war keine zweite IBA Emscher Park beabsichtigt, sondern in gewisser Weise deren nächste, und zwar verschärfte Stufe. Denn die Folgen des Umbruchs von 1989 in der Lausitz ähnelten dem Strukturwandel des Ruhrgebiets allenfalls tendenziell. Vollkommen unvergleichlich war insbesondere die Radikalität, mit der im Osten Deutschlands die abrupte Deindustrialisierung ganzer Landesteile in Kauf genommen wurde – einschließlich der Infragestellung fast aller bis dahin existierenden sozialen und kulturellen Gerüste. Alarmierte Sozialforscher warnten sogar, dass ohne strukturpolitische Gegensteuerung kaum noch „die Transformation der wirtschaftlichen Basis, sondern deren Erosion“[4] zu erwarten sei.

Auf die Lausitz mit ihrer weithin auf Braunkohle und Energieerzeugung ausgerichteten Monostruktur[5] traf diese Diagnose in besonderer Weise zu. Allein in den Tagebauen verloren zwischen 1989 und 1997 rund 85 Prozent der vormals Beschäftigten, das sind über 60.000 Kumpel, ihren Arbeitsplatz. Dass hier nicht nur ein umweltbelastender Energierohstoff massiv zurückgedrängt, sondern zugleich eine enorme technologische Modernisierung vollzogen wurde, zeigt sich besonders eindrucksvoll am 1998 fertiggestellten (und damals modernsten) Braunkohlekraftwerk Europas in Schwarze Pumpe, das eine Bausumme von dreieinhalb Milliarden Mark verschlang, dafür aber im rollenden Schichtbetrieb nicht einmal 200 Leute benötigt, die Kantinenfrauen und den Werkschutz schon eingerechnet.

Während das westdeutsche IBA-Projekt mit seinen vergleichsweise enormen materiellen Reserven[6] sich als großangelegtes Planungsexperiment unter vielerlei Absicherungen einer Laborsituation verstehen durfte, ging es in der Lausitz nicht um das Erproben dieser oder jener Art von Zukunft, sondern vom ersten Tage an buchstäblich um die Existenz. Dem verstädterten, bevölkerungsreichen und nachwievor finanzstarken Ballungsraum zwischen Duisburg, Bochum und Recklinghausen stehen durchaus noch manch andere Optionen künftiger Entwicklung offen. Der dünn besiedelte Landstrich zwischen Cottbus, Finsterwalde und Kamenz dagegen droht nach dem Ende seines rund hundert Jahre währenden „Kohlerauschs“ ziemlich übergangslos in den status quo ante zurückzufallen, in das strukturschwache und von weiterer Abwanderung gezeichnete „Hinterland“.

Von Karl Ganser, dem Direktor und maßgeblichen Vordenker der IBA Emscher Park, stammt die Ermutigung, sich von solch verzweifelter Ausgangslage besonders motiviert zu fühlen: Im Grunde funktioniere eine IBA überhaupt nur, wo es einer Region so richtig schlecht geht, denn nur dort sei man bereit, ausgetretene Pfade zu verlassen. […]


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