Denkmale in Zeiten der Überforderung



Das Ende des klassischen Industriezeitalters wird uns allen einen grundlegenden Umbau unserer gesellschaftlichen Gefüge bescheren. Nicht nur Ökonomen, auch Raumplaner und vor allem Demografen sehen große Teile Europas vor Veränderungen, wie sie sich ähnlich tiefgreifend zuletzt im Mittelalter vollzogen haben. Wie aber eine Welt jenseits von industriell geprägten Erwerbsstrukturen und traditionellen Arbeitsbiografien aussehen könnte, darüber gibt es noch wenige konkrete Vorstellungen, allenfalls vage Ideen. Nur eine Annahme darf bereits mit Sicherheit getroffen werden: Diese Welt wird sich von unserer jetzigen deutlich unterscheiden. Wo sich Wirtschaftsstrukturen ändern, wandeln sich auch die dazugehörigen Landstriche und Städte. Wir kennen das aus dem 19. Jahrhundert, das ja ebenfalls durch gravierende Umwälzungen gekennzeichnet war, die enorme Bevölkerungsbewegungen zur Folge hatten. Die uns heute vertrauten Landkarten mit ihren differenzierten Siedlungsnetzen und urbanen Agglomerationen sind Resultate eines stürmischen, ja brutalen Anpassungsprozesses. Mit der „Erfindung“ von Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrizität begann die Industrielle Revolution, diese maßgeblich europäische Errungenschaft, alle Gesellschaften, die sie ergriff, bis zur Unkenntlichkeit umzukrempeln. Das bis dahin agrarische Siedlungsgefüge unseres Kontinents wurde der neuen Produktions- und Konsumtionswelt angepasst. In nie gekannter Zahl wanderten Menschen aus ländlichen Regionen in die neuen Ballungszentren. Behäbige Ackerbürgerstädte verwandelten sich in laute, schmutzige, aber begehrte Metropolen der Fabrikarbeit. Beschauliche Flusstäler und sumpfige Niederungen füllten sich mit Schloten, Zechen, Montagehallen. Für das Proletariat wurde ein neuer Typus der Massenbehausung erfunden – die Mietskaserne. Und als Kehrseite der Medaille: Beschauliche Residenzen, die keine Fabrik, keinen Bahnanschluss abbekamen, verabschiedeten sich aus dem temporeichen Weltenlauf und versanken im Dornröschenschlaf ökonomischer Bedeutungslosigkeit.

Was uns heute, rückblickend, überwiegend im Glorienschein technischen Fortschritts erstrahlt, zeigte sich für die damals existenziell Betroffenen als ein fundamentaler Generalumbau sämtlicher Verhältnisse – in Wucht und Wirkung allenfalls den gewaltigsten Katastrophen vergleichbar, die ganze Kontinente bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt und neu aufgeschichtet hinterlassen.
Wieso hoffen wir eigentlich, am Ausgang jenes so brachialen Zeitalters glimpflicher davonzukommen?


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Ein weitgehend ungezügelten Marktkräften überlassener Transformationsprozess hat die ehemalige DDR aus dem Stadium der Industrialisierung regelrecht hinaus katapultiert. Hier stehen wir nun vor einem kontinentalen Exempel, von dem sich allerhand lernen lässt über Regionen, die für globalisierte Wirtschaftskreisläufe offenbar uninteressant geworden sind. „Funktionale Irrelevanz“ nennt der Soziologe Manuel Castells jenes hoffnungslose Abseits, für das die deutsche Sprache eine fatale Vokabel bereithält: „überflüssig“.

In überflüssigen Regionen auf selbstregelnde Kräfte des Marktes zu hoffen, wird immer aussichtsloser, je weiter sich die Abwärtsspirale dreht. Darin steckt der Kern der ostdeutschen Erfahrung: Auf welche Stadt, welche Region sie in Zukunft verzichten können, entscheidet „die Wirtschaft“, wenn man sie denn frei schalten und walten lässt, weder nach kulturellen noch nach sozialen Gesichtspunkten, sondern nach Renditelogik: Wo die Kundenzahl sinkt, werden Filialen geschlossen, Dienste eingestellt, Linien stillgelegt.