Kaum Konfrontation, eher Unterwanderung



„Geschichten vom Widerstand“ in Kreuzberg und Prenzlauer Berg vergleichen zu wollen, ist nicht ganz einfach. Ich sehe dafür zwei sehr gravierende Gründe: Zum einen ist die westliche Geschichte ja schon recht gut aufgearbeitet. Immer gleich zeitnah und ziemlich professionell wurden Fakten und Bilder dokumentiert, danach wurde lebensgeschichtlich erzählt, politisch analysiert und auch planungstheoretisch allerhand eingeordnet. Es dauerte auch gar nicht so lange, da war jene große Wende im Planer-Denken, die sich mit den Stichworten „Behutsame Stadterneuerung“ und „SO 36“ verbindet, ordentlicher Bestandteil von stadtgeschichtlichen und/oder bauhistorischen Lektionen und Seminaren geworden. Mit dem Prenzlauer Berg ist das anders. Da gab es während der konkreten historischen Ereignisse natürlich keine „Begleitforschung“ (von der Stasi mal abgesehen), und im Nachhinein sind mir immer noch wenig systematische Untersuchungen bekannt. Was im allgemein öffentlichen Geschichtsbild an Mythen und Legenden kursiert, ist leider zu oft ungesichert – wie so vieles aus der Alltagsgeschichte dieses Landes DDR, zu der die Deutungsmacht ganz schnell auf die „Nicht-dabei-Gewesenen“ übergegangen ist; denen kommt es auf die wirklichen Geschehnisse, deren Verquickungen und Hintergründe, nie so genau an, solange nur die gängigen Klischees einigermaßen stimmig getroffen werden. Auch ich werde diesem Manko heute nicht abhelfen können, denn als Zeitzeuge steht mir „Geschichtsschreibung“ im redlichen Sinne gar nicht zu. Ich kann nur Erinnerungen zu Protokoll geben. Ein schlüssiges Gesamtbild daraus müssen andere entwerfen.

Ein zweiter Grund für die schwierigen Vergleichsmöglichkeiten steckt in der Materie selbst. Die Ausgangslagen waren andere, die Frontlinien verliefen anders, die Zielrichtung war eine andere. Für die gesellschaftliche Verfasstheit der DDR war „Häuserkampf“ eine gänzlich unvorstellbare Option. Straßenweise Großdemonstrationen, wie es sie etwa in Kreuzberg gab, hat die DDR erst gegen Ende 1989 erlebt, und da waren sie ja auch prompt die Signale des staatlichen Untergangs. Für den hier zu betrachtenden Zeitraum – wir reden im Wesentlichen über die 1980er Jahre, die „späte Honecker-Ära“ – hat eine Politisierung der Menschen auf deutlich anderen Wegen stattgefunden als im Westen. Ob DDR-spezifische Formen von Bürger-Einmischung in Fragen städtischer Bau- oder Wohnungswirtschaft von der Motivation wie vom Denkansatz her überhaupt „politisch“ zu nennen seien, möchte ich hier gar nicht entscheiden. Wohnraum, der hier vierzig Jahre lang knapp und nur über bürokratische Zuteilungswege zu erlangen war, war (in allen Altstädten der DDR) immer wieder auch Gegenstand listenreicher Umverteilung. Aber nicht per Straßenkampf wurde er erobert, sondern durch Unterwanderung. Und die wurde grundsätzlich von Einzelpersonen oder -familien vollzogen, seltsam befördert durch eine relativ simple Legalisierungspraxis: Man musste für eine leer vorgefundene und eigenmächtig bezogene Wohnung nur ein halbes Jahr lang die Miete an die Hausverwaltung überweisen; erfolgten in diesem Zeitraum keinerlei Gegenmaßnahmen (womit seitens der überforderten Ämter auch kaum zu rechnen war), dann war damit der Status eines legalen Mieters errungen.

Das Prinzip lautete einfach: Verlust des Überblicks! Weshalb es auch keine verlässliche Statistik darüber gibt, wie viele Wohnungen in Ost-Berlin, speziell in Prenzlauer Berg, qua individueller Selbstermächtigung durch wohnungsuchende Bürger angeeignet wurden. Ein Katz-und-Maus-Spiel mit überschaubarem Risiko, das natürlich völlig andere Wege der Konfliktbeschreibung wie auch der Politisierung aller Beteiligten bedeutete, als bei den zeitgleichen Auseinandersetzungen zur Wohnungsfrage etwa in Kreuzberg. Selbst wenn es in manchen Kiezen am Ende Häuser gab, die zur Hälfte aus „irregulär“ bezogenen Wohnungen bestanden: Die das alles für sich riskierten, arrangierten, zurechtbastelten, waren mit ihrer unmittelbaren Lebensvorsorge beschäftigt, nicht mit einem dezidiert politischen Projekt. Wer von alternativen Lebensmodellen träumte, der zog mit Freunden aufs Land.


Die Affäre form+zweck

Über Einmischungen in offizielle Planungsbelange nachdenkend, fällt mir als sehr frühes Ereignis ein Fall aus dem heiklen Feld der medialen Öffentlichkeit ein. Architekten und Planer hatten nur eine offizielle Fachzeitschrift – die Architektur der DDR, ein politisch an extrem kurzer Leine geführtes und deshalb inhaltlich ziemlich dröges Verlautbarungsorgan der jeweiligen baupolitischen Linie der Partei. Architekturfragen oder Themen der Stadtentwicklung wurden lediglich in innerfachlichen Zirkeln diskutiert, darüber hinaus tauchten sie manchmal in intellektuellen Nischenzeitschriften wie SONNTAG oder FORUM auf. In solch „durchherrschten“ Öffentlichkeiten bleibt es nun nicht aus, dass mit der Zeit sich die Quer- und Andersdenker an unverdächtigen Orten sammeln. In diesem Falle war das die Zeitschrift form+zweck, eigentlich vom Amt für industrielle Formgestaltung als Fachmagazin für Designer gegründet, die sich unter der Ägide von Heinz Hirdina, später von Hein Köstereinz Hirdinaspäter HJeinKöster) zu der theoretischen Plattform für kritisches ästhetisches Denken mauserte.[1] Zu diesem international renommierten, weil intellektuell anspruchsvollen Blatt griff damals, wer als Gestalter ganz allgemein über den Status quo aus Mangelwirtschaft, technokratischer Rigidität und provinziellem Biedersinn hinausdenken wollte.

Während nun seit den späten 1970er, frühen 1980er Jahren an der Bauakademie und anderen Institutionen über die „Wende im Bauwesen“ zurück in die Innenstädte nachgedacht, teils auch – etwa am Arnim- und Arkonaplatz – bereits praktisch experimentiert wurde, ging die Redaktion von form+zweck das Problem grundsätzlich an. Sie widmete ihre Ausgabe 1/1983 pars pro toto dem Prenzlauer Berg, seinem realen Zustand und möglichen Strategien für die „Innerstädtische Rekonstruktion“.[2] Zur Einführung verwies Fred Staufenbiel, der führende Stadtsoziologe der DDR, erst einmal auf den Eigenwert der real existierenden Stadt.[3] Hatte bis dahin Stadtplanung vor allem darin bestanden, sich eine neue Stadt auszudenken und dann zu versuchen, dieses Idealbild möglichst herbeizuführen, so sollte nun die bestehende Stadt Gestaltungsziel sein. Erhaltenswert um ihrer selbst willen? Für das herrschende Planungsleitbild war das blanke Häresie!

Für solch „Neues Denken“ wurde ein Perspektivwechsel gebraucht: weg von den Bildern, hin zum Prozess. In diesem Sinne argumentierten Herbert Pohl und Wolf Dietrich Werner, zwei Architekten aus dem Stadtplanungsamt, die an Studien zu alternativen Entwicklungsszenarien für den inneren Prenzlauer Berg saßen und – ohne um Erlaubnis zu fragen – Ergebnisse daraus in dem Heft veröffentlichten.[4] Mein eigener Beitrag setzte sich mit dem ewigen Streben nach dem „Gesamtkunstwerk“ auseinander: Zu der Zeit zeichnete sich nämlich die Unsitte ab, Gründerzeitviertel zu bewahren, indem sie als „Zille-Milieu“ stilisiert wurden. Seinen Höhepunkt fand das in der Husemannstraße, die anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins mit musealen Motiven regelrecht vollgestopft wurde, mit alten Litfaßsäulen, Gaslaternen, Haltestellen für (gar nicht vorhandene) Pferdedroschken usw. Gegen diesen oberflächlichen Bilderkult waren die realen Prozesse zu rehabilitieren: Lokale Identität sollte durch die vielfältigen Praxen heutigen Alltags gewonnen werden. Stadt war als etwas zu begreifen, das lebt.[5] Wie man einen Blick für solche vitalen Bildlichkeiten entwickelt, wurde durch lange Fotostrecken u.a. von Ulrich Wüst demonstriert, oder auch durch Manfred Butzmanns subversive „Ratschläge zur Stadtbegrünung“, zweifellos frühe Vorläufer des Guerilla Gardening.[6]

Der vielleicht rätselhafteste Beitrag in dem Heft stammte vom Chefredakteur persönlich.[7] Ich gestehe, die darin entwickelte Idee eines „Museums der Urbanität“ damals gar nicht recht verstanden zu haben. Erst jetzt, beim nochmaligen Überlesen, dämmert mir: Es war ein U-Boot-Projekt. Unter dem Deckmantel eines „Museums“ wollte Hein Köster ein Kommunikationszentrum etablieren, in dem die Bewohner eines Stadtgebietes, in diesem Falle des Prenzlauer Bergs, sich darüber verständigen, was sie von ihrer Stadt eigentlich erwarten. Und was sie bereit wären, selber dafür zu tun. Also eine Anlauf- und Sammelstelle für bewegte Bürger!

Wir haben ungefähr ein halbes Jahr an dem Thema gearbeitet, das Ganze hat einen Riesenspaß gemacht. Als das Heft dann erschien, war es einer der größten publizistischen Skandale, die die DDR je gesehen hat. Die komplette Redaktion inklusive Chefredakteur ist in den Folgemonaten entlassen resp. versetzt worden, die Zeitschrift wurde mit neuen Leuten besetzt. Die beiden Architekten aus dem Stadtplanungsamt wurden mit Parteistrafen belegt und verloren ihre Stellen. Mir ist nichts weiter passiert, als Freiberufler war ich schwerer zu belangen; Artikel über Architekturthemen allerdings hat danach keine DDR-Zeitung (mit Ausnahme des SONNTAG) mehr von mir genommen.

Was war da eigentlich passiert? Nachträglicher Versuch einer Erklärung:

Mit diesem Stadt-Heft von form+zweck haben „Fachfremde“, die für Baupolitik und Stadtentwicklung pro forma gar nicht zuständig waren – also Redakteure, Designer, Soziologen, Künstler … Bürger? – sich zu einem Thema zu Wort gemeldet, für das eigentlich der Staat (bzw. die Partei) alleinige Kompetenz beanspruchte. Die Leute haben sich nicht nur Gedanken gemacht, sondern auch noch sehr locker und unverkrampft darüber geschrieben. Auf eigene Faust Öffentlichkeit hergestellt, also unter DDR-Verhältnissen automatisch: Gegenöffentlichkeit.

Und noch ein Gedanke verdiente hier eigentlich längere Reflexion: Worauf alle Autoren des inkriminierten Heftes unvermeidlich gestoßen waren, heißt heute behutsame Stadterneuerung. Wie bereits erwähnt, konnte diese „Behutsamkeit“ im Westen unter Umständen auch schon mal „Krawall“ provozieren. Im Osten kam die Sprengkraft dieses neuen Leitbildes aber noch viel drastischer ans Licht: „Behutsamkeit“ erfordert antihierarchisches Denken, eine ihrer Grundvoraussetzungen heißt Dezentralisierung. Also Kulturrevolution. Für den „real existierenden Sozialismus“ der DDR war damit die Systemfrage gestellt.

In aller Unschuld habe ich diese Erfahrung schon wenig später verifizieren dürfen. Ich hatte nämlich meinen eigenen Beitrag zu dem Skandalheft für eine Studie des Künstlerverbandes recycelt.[8] Darin ging es noch einmal sehr ausführlich um neue Strategien komplexer Stadtgestaltung für den Prenzlauer Berg, die jenseits aller historischen Klischeebilder bei den Alltagshandlungen heutiger Stadtakteure ansetzt, eben dort nach ästhetischen Elementen und Kulturmotiven fahndet. Die Studie kam nach ihrer Fertigstellung sofort unter Verschluss, und als wir uns gegen diese Maßnahme zur Wehr setzten, wurden wir ins Rote Rathaus bestellt, zum damaligen Kulturstadtrat, dem obersten Kulturverwahrer der DDR-Hauptstadt. In jener „Aussprache“, die mir in ewiger Erinnerung bleiben wird, flogen uns abstruse Vorhaltungen wie „Revisionismus“, „Frankfurter Schule“ und „urgermanische Basisdemokratie“ um die Ohren. Als aber schließlich das Wort „Konterrevolution“ fiel, wurde schlagartig klar, wie vermint das Gelände war, auf das wir geraten waren.


    weiterlesen