Europas Mitte weit im Osten


Košice – die kaum bekannte Kulturhauptstadt


Ja, es stimmt, Košice ist nicht ganz leicht zu erreichen. Immer noch ist die Fahrt über Budapest kürzer als über Bratislava. Doch wenn sie dann in ihrem weiten Talkessel vor einem auftaucht, ist die Stadt einfach schön. Nach Norden sanft bewaldete Berge, im Süden die pannonische Ebene, wo der Tokajer wächst: Hier, wo die Slowakei an Polen, die Ukraine und Ungarn grenzt, hat die ungemein reizvolle Region zwischen Tatra und Karpaten ihr urbanes Zentrum. Und ihren wichtigsten Arbeitsort, denn auch wenn man davon in der Stadt nichts sieht, nichts riecht oder hört – Košice zählt zu den Global Playern der Stahlindustrie. Mit derzeit 235.000 Einwohnern ist es seit langem die zweitgrößte Stadt der Slowakei.

Natürlich zeigen sie auch hier am liebsten ihre Altstadt vor. Die ist seit 1983 autofreie Zone und denkmalgeschützt – damals in der Tschechoslowakei war sie das zweitgrößte Flächendenkmal nach Prag. Alle Insignien einer typischen k. u. k. Provinzmetropole finden sich wie zu einem Bilderbuch aufgereiht. Rings um Dom und Staatstheater wird die breite „Hauptgasse“ (Hlavna ulica) allabendlich zum Corso, in romantischen Pawlatschenhöfen wuselt es zwischen Läden und Cafés. Verspielter Barock, pompöse Gründerzeit, vereinzelt Jugendstil. Mitten im Historienreigen das obligate Bat‘a-Schuhhaus von 1930, dessen streng sachliche Glasfassade neuerdings wieder im Originalzustand prangt. Ein Stadtpark hält die Neuzeit auf Distanz. Erst hinter dem Bahnhof (stolze slowakische Spätmoderne von 1973, leider brutal vernachlässigt) kommen komplett überbaute Hügel in Sicht – hellbunte Großsiedlungen, die Quartiere der Stahlarbeiter. Dort wird, wie unten in der Altstadt, an hölzernen Gasthaustischen eine rustikale Küche serviert, Bier und Wein kosten fast nichts, man fiebert für Eishockey und zahlt in Euro.

Warum nur ist Košice bei uns so unbekannt! Es gibt in der Mitte Europas wenige Orte, die dramatischer vom ewigen Unfrieden des Kontinents Zeugnis geben. Schon die verschiedenen Namen: Kaschau sagen die Deutschen, Kassa die Ungarn.* Und das sind längst nicht alle. Eingekeilt und umhergetrieben zwischen immer wieder verschobenen Grenzen, haben viele Völker hier Heimat gefunden und Spuren hinterlassen: Österreicher, Ungarn und Slowaken natürlich, aber auch Tschechen, Polen, Deutsche, Ukrainer, Russinen, Juden, Roma. Das ganze habsburgische Völkergemisch, oft gerühmt und noch öfter verklärt, denn zwischen den Zeilen war Geschichte ja nie spannungsfrei. Rivalitäten ethnischer Gruppen, kultureller Milieus oder politischer Lager – die Annalen von Košice sind voll davon: Von welcher Kanzel wird nach welchem Ritus gepredigt. Wer schickt seine Kinder auf welches Gymnasium. Wer verwahrt den Schlüssel zum Stadtarchiv, wer lädt zum Ball ins Grandhotel. Als 1848 die Doppelmonarchie schon einmal zu zerbrechen drohte, stand Kassa, als Verwaltungszentrum des damaligen „Oberungarn“, auf Seiten Budapests, gegen Wien. Der Preis war eine massive Magyarisierung. Nachdem 1918 das nördliche Ungarn der neu gegründeten Tschechoslowakei (ČSR) zugeteilt wurde, hatten Slowaken endlich mitzubestimmen in ihren angestammten Ländereien. Und man war in keiner schlechten Gesellschaft: Präsident Masaryks Republik galt als liberales Musterland, das mährische Zlín wurde zur Idealstadt des Funktionalismus, Brünn war Europas Hauptstadt der Moderne. Auch Košice verzeichnete ab den 1920er Jahren rege Bautätigkeit, und unverkennbar war die neue Architektur nun vom Fortschrittsgeist des jungen Staates geprägt. (Hierzu die Online-Bildstrecke „Košice – Architekturen der Zwischenkriegszeit“.)

Das Chaos und die Tragödien, die mit dem Zweiten Weltkrieg über die Ostslowakei hereinbrachen, sind in ein paar dürren Stichworten gar nicht darzustellen. Dann, weil Anfang 1945 Prag immer noch deutsch besetzt war, regierte der erste Nachkriegspräsident der ČSR ein paar Monate vom schon befreiten Košice aus. Doch auch mit den tschechischen Nachbarn war das Verhältnis nie gänzlich entspannt; die hatten also Gründe, sich um ihre weit östlichen Peripherien in betonter Weise zu bemühen. War auch dies ein Grund, warum sie in Košice 1992 gegen die Auflösung der Föderation auf die Straße gingen?

Aller Konflikte ungeachtet hat der berühmte Schriftsteller Sándor Márai (1990-1989) den Ort seiner Kindheit als durch und durch „europäische Stadt“ gepriesen, und wie um dieses Erbe endlich einzulösen, darf sich Košice – neben Marseille – noch bis Ende diesen Jahres Europäische Kulturhauptstadt nennen.



* Auch wenn es in Deutschland als üblich gilt, ausländische Städte möglichst auf Deutsch zu benennen, wird in den folgenden Beiträgen das slowakische Košice benutzt – u.a. mit Blick auf den Anlass: „Košice2013“ lautet die offizielle Marke für das Kulturstadtjahr.
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