Mondlandschaften, Baugrundstücke


Es gibt so viele Sichten auf die Stadt nach dem Krieg



„Die Bombenangriffe des letzten Krieges haben mächtige Lücken in den Organismus der Stadt gerissen. Weite, säuberlich aufgeräumte Flächen dehnen sich zwischen der stehengebliebenen, als Ruine erhaltenen oder wiederaufgebauten Bebauung. ... Aber man stellt einen überraschenden Eindruck fest. Der ‚Steinhaufen‘, durch den einst endlose, nur noch in den Namenschildern vermerkte Straßenschluchten führten, hat Luft und Raum bekommen. Die einzelnen Bauten wirken mit ungeahnter Plastik. Sollte es nicht möglich sein, einer Stadt, die wieder aufgebaut wird, diese Größe und Räumlichkeit, diese Tiefe und Weite des darüber geöffneten Himmels zu erhalten?“

Solch kühle Faszination, wie der Basler Architekt Hans Schmidt sie als Eindruck vom zerstörten Berlin im Jahr 1955 notierte, konnten wohl nur Reißbrettvisionäre empfinden. Allen übrigen Zeitgenossen, den Überlebenden der Bombennächte und mörderischen Straßenkämpfe, dürfte der Abschied von der alten, nun in Trümmer liegenden Welt eher schwer gefallen sein. Aber Trauer um Unwiederbringliches, die unsere heutigen, zunehmend restaurativen Stadtdebatten so hartnäckig dominiert, durfte damals als emotionaler Luxus gelten. Denn auf das Inferno folgte der Ausnahmezustand, unbefristet. Es ging um die blanke Existenz, um Essen, Heizen, Dach überm Kopf. Um das Zusammenfinden zerstreuter Familien, die Suche nach einem Lebensunterhalt. Strom-, Wasser- und Telefonleitungen mussten repariert, öffentliche Verkehrsmittel wieder in Gang gesetzt, unvorstellbare Trümmergebirge abgeräumt, Schulen wiedereröffnet werden. Der „Totale Krieg“, dessen Ausrufung im Februar 1943 ein fanatisiertes Sportpalast-Publikum mit lautem Jubel quittiert hatte, war auf seine Urheber zurückgefallen und hatte ihre Städte weithin unbewohnbar gemacht. Die nackte Barbarei der letzten Kriegshandlungen setzte sich fort in den jeder Zivilisation hohnsprechenden Zuständen der Wochen und Monate „danach“.

Zusammenbruch? Befreiung? Die Auskünfte, die einer Nachwelt aus jenen Tagen überliefert werden, sind zwiespältig. Ende August 1945 sieht der 1938 aus Berlin nach USA emigrierte Henry Ries am Kurfürstendamm einigermaßen konsterniert „alte Damen mit ihren komischen Hüten vor riesigen Schwarzmarktkuchen mit Schlagsahne“.[1] Schon Anfang Juni (!) hatte der sowjetische Kulturoffizier Markus Wolf seinen in Moskau verbliebenen Eltern über ein Wochenende in Friedrichsfelde berichtet, wo man hätte „glauben können, es wäre niemals Krieg gewesen. Sportfeste, an allen Ecken Lokale, Kabaretts, Varietés mit bunten Programmen und Tanz. [...] Die Bevölkerung Berlins hat, so komisch das auch klingen mag, überhaupt nicht begriffen, daß Deutschland ein besiegtes Land ist.“[2] Zu den beklemmendsten Fotoserien der amerikanischen Frontfotografin Lee Miller gehören jene, die deutsche Alltagsgesichter als „Täter-Porträts“ vorführen, und ihre Kollegin Margaret Bourke-White stand immer wieder fassungslos vor lauter „kleinlichen, feigen, selbstmitleidigen Menschen, die wohlgenährt darauf warteten, versorgt zu werden ... [die] keine Probleme mit ihrer Vergangenheit, sondern Angst vor einer ‚entsagungsvollen Zukunft’“[3] hatten. Schon der Untertitel ihres berühmten Reportagebuches über das Jahr 1945 verhöhnt mit seiner Anspielung auf eine martialische deutsche Liedzeile diese wohlfeile Pose der Unbetroffenheit – Lieb Vaterland, magst ruhig sein.[4}

Als hätte eine unabgesprochene Konvention unter ihnen geherrscht, richteten deutsche Fotografen dagegen ihre Kameras sofort und mit geradezu süchtiger Intensität auf jedes noch so kleine Indiz für Normalität und Zuversicht. Erfolgreiche Heimkehr von der Hamsterfahrt, stolze Ernte auf dem Grabeland, die Minikrimis vom Schwarzen Markt, der erste Ami-Straßenkreuzer – in den Bildern von Fritz Eschen[5], Gerhard Gronefeld[6] oder Erich O. Krueger[7] (um nur drei Berliner Fotografen zu nennen) menschelt es unverdrossen. Die Ruinenwüste Berlins verblasst da oft beiläufig zum diffusen Hintergrund. Radrennen und andere Sportdarbietungen wurden aufgeboten, den (Über-)Lebensmut nicht sinken zu lassen, genau wie der gute alte Wanderzirkus oder das auf wundersame Weise intakt gebliebene Kinderkarussell im Park. Und immer wieder das kleine große Glück, das Kinder ausgerechnet zwischen Ruinen finden. Geradezu groteske Blüten trieb „Normalität“ bei Renate und Roger Rössing[8], wenn sie Leipziger Hausfrauen als Models einer öffentlichen Hutmodenschau (1949) beobachteten oder die verzweifelt aufgedonnerte „Preisträgerin einer Rassehundeausstellung“ (1948) für sich posieren ließen.

Stellt man derart makabre Szenen jenen anderen Bildern gegenüber, die oft nur hundert Meter weiter zur gleichen Zeit zu finden waren – etwa den Leichenbergen, vor denen Dresdner Fotografen in den erst nach Monaten geöffneten Bombenkellern standen, oder den Invaliden und zerlumpten Kriegsheimkehrern, die Deutschlands Bahnhöfe noch bis in die Fünfzigerjahre hinein bevölkerten – dann beginnt sich ein anderer Ausnahmezustand ins Bewusstsein zu drängen: der mentale. Wer hatte denn, unter solcherart geschilderten Umständen, überhaupt eine Chance, bei Verstand zu bleiben? Und war es angesichts allgegenwärtiger Not nicht geradezu geboten, auf Zuversicht und Sinngebung, auf „positives Sehen“ also, zu setzen? Der Dresdner Fotograf Erich Höhne beschrieb sein damaliges Schaffensmotiv ausdrücklich als „Chronistenpflicht und Mobilisierung für den Neuaufbau zugleich“. Noch Jahrzehnte später bekannte er sich zu der Absicht, „jeden Funken Hoffnung zu schüren“.[9] Weil es einen Unterschied macht, ob man ein Leben mit Ruinen darstellt oder deren Beseitigung. Wenn es hierfür in den Trümmerwüsten seiner Heimatstadt an realen Anlässen fehlte, wurden diese eben inszeniert – eine Praxis, die Pressefotografen allerorten (bis heute) als selbstverständliches Handwerk gilt. Und die ganz wesentlich zu jener Skepsis beigetragen hat, mit der man Fotografien als historischen Auskünften heutzutage lieber misstraut.

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Vom Zustand der zerbombten und zerschossenen Städte, so sollte man denken, müssten die Zeugnisse verlässlicher sein. Doch auch hier lassen sich divergierende Bildinteressen erkennen, die Ausdruck unterschiedlicher Betroffenheiten sind. Die Spanne reicht von Zehntausenden emotionsloser, allein strategischer Auswertung dienender Luftbilder der alliierten Kampfverbände über die berüchtigten Aufnahmen von Lübeck oder Frankfurt, mit denen die NS-Propaganda zu Beginn des Bombenkrieges im Frühjahr 1942 die „kulturfeindliche Barbarei der Angreifer“ anprangerte, bis zu Friedrich Seidenstückers seltsam berührenden Blicken auf den von Artillerie und danach Holzsammlern buchstäblich kahlgefegten Tiergarten, die einen völligen Stillstand nach dem Inferno suggerieren und so – womöglich – auf eine Wende der Geschichte hoffen lassen. Dazwischen fallen etliche (nur selten überzeugende) Variationen einer speziellen Ruinenästhetik ins Auge, Erblast überkommener fotografischer Traditionen, die – mal mehr romantisch, mal eher surreal veranlagt – Zuflucht in der Kunst suchte, „um die individuelle Angst zu bannen“.[10]

„Bremen war eine Wüste.“ Im Auftrag der US-Airforce hat Margaret Bourke-White Luftbilder von Köln, Würzburg, Ludwigshafen, Leuna u.a. fotografiert: „Von Hamburg blieb nicht einmal genug übrig, um eine eindrucksvolle Ruine abzugeben.“[11] Der Titel der geplanten Reportage stand schon fest: The Face of the Moon.

Von den zahllosen Ruinenpanoramen, die in vielen Museen die „Stunde Null“ illustrieren sollen, haben nur wenige über ihren jeweiligen Ort hinaus Eingang ins Bildgedächtnis gefunden. Zur regelrechten Antikriegs-Ikone hat es wohl nur ein Motiv gebracht – jener Blick vom Dresdner Rathausturm, den Richard Peter sen. unter Einbeziehung einer steinernen Figur zu einer Geste stilisierte, die sowohl als Klage (über Leid und Tod der Opfer) wie auch als Anklage (gegen die Strategen des „sinnlosen“ Bombenkrieges) lesbar ist. Trefflicher als in solcher Ambivalenz konnte verbreitetes deutsches Selbstempfinden sich öffentlich wohl nicht artikulieren. Zumindest aus heutiger Sicht sollte dieses Driften ins „universell Menschliche“ allerdings eher verstören, werden doch NS-Herrschaft und Krieg, anstatt aus politischer Perspektive, hier eher als schicksalhafte Heimsuchung gedeutet.[12]