Neuland


Wo die Menschen davonlaufen, verlieren selbst Grund und Boden alle Heiligkeit


Über eine Million Menschen sind seit der Grenzöffnung aus dem Osten Deutschlands in den Westen gezogen. Skeptische Demographen rechnen mit 8,6 Millionen Ostdeutschen im Jahr 2050, was grob gerechnet auf eine Halbierung der Bevölkerung seit 1990 hinausliefe und damit auf ein vollkommen anderes Land, als das uns bisher vertraute. Schon jetzt laufen einige ländliche Regionen regelrecht leer, geradezu dramatisch in der Uckermark, in Vorpommern, in der Altmark und der Lausitz. In diesen traditionell dünn besiedelten Landstrichen war zu DDR-Zeiten mit Industrieansiedlungen und hochtechnisierter Agrarwirtschaft massive Strukturförderung betrieben worden. Nun stellt ein sich selbst überlassener Markt den Status quo ante wieder her, die im vorindustriellen Schattendasein dahindämmernde Arme-Leute-Gegend. Leipzig, Dresden, Jena, Weimar und Eisenach gelten als Inseln der Stabilität, dazu die Ostseeküste und der Speckgürtel von Berlin. Überall sonst breiten sich Wohnungsleerstände aus, die städtische Existenzkrisen heraufbeschwören. Für manche der noch nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Industrie-Neustädte wie Hoyerswerda, Halle-Neustadt, Wolfen oder Schwedt fällt die Diagnose schon jetzt einschneidend aus: Sie sind schlicht überflüssig geworden.


Ein Zeitalter geht zu Ende

Auch wenn seit Jahren der „Stadtumbau Ost“ mit seinen staatlich subventionierten Häuserabrissen die öffentlichen Debatten bestimmt, hilft es nicht sonderlich, den Bevölkerungsschwund Ostdeutschlands ausschließlich aus der Perspektive der unter Druck geratenen Wohnungswirtschaft zu betrachten. Es geht hier um weiter reichende Richtungsentscheidungen, denn zu vermuten ist, dass wir es mit deutlichen Signalen einer Epochenwende zu tun haben, deren Ausmaße sich nur schwer abschätzen lassen. Wie Gabor Steingart unlängst beschrieb (siehe SPIEGEL Nr. 37/2005), zieht sich die klassische Industriearbeit gerade massiv von den Kontinenten ihrer Entstehung zurück. Zumindest für uns Europäer wird es höchste Zeit, den „Industrialismus“ als ein historisches Phänomen zu begreifen, das nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende kennt.

Zur Erinnerung: Die „Industrielle Revolution“, eine vor allem europäische Errungenschaft, hatte die bis dahin agrarischen Gesellschaften des Kontinents bis zur Unkenntlichkeit umgekrempelt. In nie gekannter Zahl wanderten Menschen aus ländlichen Regionen in die neuen Ballungszentren. Zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg hat vermutlich jeder zweite Deutsche im Rahmen einer reichsweiten Binnenwanderung irgendwann seinen Geburtsort verlassen, um an anderer Stelle Arbeit und neue Heimat zu suchen. Das gesamte Siedlungsgefüge jener Zeit wurde in einem recht brutalen Prozess aus seiner feudalzeitlichen Beschränktheit gerissen und der neuen Produktions- und Konsumwelt angepasst.

Alte Residenzen und behäbige Bürgerstädte verwandelten sich in laute, schmutzige, aber begehrte Metropolen der Fabrikarbeit. Rückständige und verschlafene Dörfer begannen zu städtischen Agglomerationen auszuwuchern, beschauliche Flusstäler und sumpfige Niederungen füllten sich mit Schloten, Zechen, Montagehallen und Arbeiterwohnkasernen. Unter den wehenden Bannern des technischen Fortschritts vollzog sich nichts geringeres als ein Generalumbau sämtlicher Verhältnisse – in Wucht und Wirkung allenfalls den gewaltigsten Katastrophen vergleichbar, die ganze Kontinente bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt und neu aufgeschichtet hinterlassen. Wieso hoffen wir eigentlich, am Ausgang jenes Zeitalters glimpflicher davonzukommen?


Überflüssige Räume

Wo die Geschäfte blühten, blühten die Gemeinwesen. Aber auch Stagnation und Niedergang haben sich im Bild der Städte und Siedlungen abgezeichnet. Schrumpfung als Symptom industrieller Wandlungsprozesse ist weder ein neues noch ein speziell ostdeutsches Phänomen. Als Krise der Montan- und der Textilindustrie gibt es hierfür viele, zum Teil berüchtigte Vorbilder in Mittelengland, Belgien, in den aufgegebenen Schwerindustrieregionen im Norden der USA. Wer gleich hinter Saarbrücken ins Lothringische fährt, kann dort ehemalige Bergarbeiter- und Stahlkochersiedlungen besichtigen, die Haus für Haus aufgelassen werden. Erst durch Migranten besetzt, dann im Leerstand ruiniert, am Ende wächst schlicht Gras über ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte.

Neu – und deshalb besonders dramatisch – ist am Fall Ostdeutschland die nun erreichte Bandbreite der „Überflüssigkeit“: Nicht nur ein bestimmter Industriezweig oder eine bestimmte Produktart, also weder bloß Bitterfelder Braunkohlenchemie, Mansfelder Kupferbergbau, Zeitzer Kinderwagen oder Lausitzer Glas, sondern nahezu das gesamte Erwerbsspektrum einer weit ausgefächerten Industriegesellschaft stand mit der Auflösung der DDR-Planwirtschaft zur Disposition. Dieses Verschwinden der produktiven Basis muss früher oder später auf die sozialräumlichen Strukturen der betroffenen Regionen durchschlagen. Nach anderthalb Jahrhunderten stetiger Anpassung an die Zwänge und Bedürfnisse einer komplex entwickelten Produktionsweise kommt diesen Strukturen – in die nachindustrielle Leere gestürzt – ihr Daseinssinn abhanden. Der Frankfurter Soziologe Klaus Ronneberger hat das auf eine recht schlüssige Formel gebracht: „Der Kapitalismus erzeugt eine geografische Landschaft, die für eine gewisse Zeit dem jeweiligen Entwicklungsmodell entspricht, um sie dann im nächsten Zyklus zu zerstören.“

Das Verschwinden der klassischen Industrien wird uns also zwangsläufig einen Umbau unseres gesamtgesellschaftlichen Gefüges bescheren. Wo sich Wirtschaftsstrukturen ändern, strukturieren sich auch die dazugehörigen Räume neu. Neue Kraftzentren und Innovationskerne bilden sich heraus, neue Hinterhöfe entstehen. Die Globalisierung organisiert nicht nur die Waren- und Finanzströme der Weltwirtschaft neu, sie erzeugt auch neue „Peripherien“, also benachteiligte Gebiete, die sich neuerdings auch inmitten weiterhin funktionstüchtiger Wohlstandsregionen ausbreiten können.

So gesehen wird Ostdeutschland zum exemplarischen Fall, lässt sich hier doch allerhand lernen über das Schicksal von Regionen, die für globalisierte Wirtschaftskreisläufe ganz offensichtlich uninteressant geworden sind. Sie haben jenen gefürchteten Status erreicht, den der Soziologe Manuel Castells „funktionale Irrelevanz“ nennt. Was heute bereits für Teile Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsen-Anhalts gilt, könnte nach der düsteren Prognose des Demographen Franz Xaver Kaufmann demnächst deutschlandweit passieren: „Das flache Land entvölkert sich, nur die Regionen um die Großstädte bleiben attraktiv und müssen den Unterhalt für den Rest der Republik erwirtschaften. Immobilienkapital entwertet sich in großem Umfang, die Binnennachfrage stagniert. Die öffentlichen Haushalte sind nicht mehr auszugleichen, ihre Kreditwürdigkeit sinkt.“ Welche politischen und sozialen Weiterungen daraus entstehen können, klingt höchst alarmierend: „Zunehmende Verarmung, Abwanderung, soziale Unruhen, neue extremistische Parteien, kollektiver Vertrauensverlust, vielleicht auch kollektive Erstarrungserscheinungen.“