Halbwertzeit der Erinnerung


Andrej Krementschouk’s photoghraphs of “chernobyl Zone II”


Die Halbwertzeit unserer Erinnerung an Katastrophen wie Tschernobyl
beträgt ein Bruchteil der Halbwertzeit jener radioaktiven Isotope,
welche bei der Reaktorexplosion am 26. April 1986 freigesetzt wurden.
*


Seit Fotografien unsere Vorstellung von der Welt maßgeblich prägen, haben immer wieder einzelne Bilder den Rang von Ikonen erlangt. Solche Momentaufnahmen, in denen blitzhaft das Wesen ganzer historischer Zusammenhänge aufscheint, können der Nachwelt gewissermaßen Sinnbotschaften übermitteln – etwa Robert Capas „Tod eines republikanischen Soldaten“, Jewgeni Chaldejs erstarrte Moskauer Straßenpassanten am Tag des deutschen Überfalls 1941, oder auch Willy Brandts berühmter Kniefall 1970 vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos. Zu solchen „Welt-Bildern“ des 20. Jahrhunderts gehört auch ein Motiv aus dem ukrainischen Pripjat: Eine junge Birke, die zwischen zerschlagenen Bodenfliesen emporwächst, mitten in einem kahlen Raum, der keine Fensterscheiben mehr hat. Schauplatz ist eine vielstöckige Ruine, die offenbar nicht durch äußere Gewalteinwirkung zustande kam, sondern von ihren Bewohnern fluchtartig verlassen wurde. Nicht einmal Hocker und Stühle haben sie noch beiseite geräumt, ein infernalischer Dornröschenschlaf, der schon so lange dauert, dass Bäume die Hochhäuser zurückerobern konnten. Eine verstörende Szenerie: Der Planet wieder ohne uns.


Schöne neue Welt

„Die Region an der Grenze zwischen der Ukraine und Weißrussland zählt zu den schönsten Gegenden Europas. Entlang des sich langsam durch das weite Land wälzenden Flusses Pripjat wachsen riesige Waldgebiete in den Himmel, an manchen Stellen durchzogen von geheimnisvollen Sümpfen. Das milde Klima und die unberührte Natur haben diesen Flecken Erde zu einem beliebten Naherholungsgebiet für die Einwohner der Stadt Kiew gemacht, die rund hundert Kilometer weiter im Süden liegt. Der Pripjat ist ein fischreicher Fluss, an manchen Stellen gibt es sogar feine, weiße Sandstrände – ein Paradies für Sonnenhungrige und Angler.“

Mitten hinein in diese liebenswerte Landschaft wurde ab 1970 das Atomkraftwerk Tschernobyl gesetzt, und in allernächster Nähe bekamen dessen Beschäftigte eine eigene Stadt. Wohnungen für fast 50 000 Menschen entstanden, für insgesamt 80 000 wurde geplant. Pripjat, das ursprünglich Atomograd heißen sollte, ragte über den Durchschnitt sowjetischer Industrie-Neustädte sichtlich hinaus. Zwar regierten auch hier die Standards der Städtebau-Moderne: Die Wohnquartale waren von breiten Boulevards durchzogen, die Wohnungen auf fünf- und achtgeschossige Plattenbauzeilen verteilt, an markanten Kreuzungen wuchsen Punkthochhäuser empor. Aber selbst heute, im Panorama der Ruinen, ist eine besondere Sorgfalt für die städtischen Räume noch zu spüren. Noch aus entfernteren Städten und Dörfern kamen Leute, um sich in den besser versorgten Läden Pripjats einzudecken. Auch für Kultur und Freizeit war das Angebot vorbildlich, dem hohen Bildungsgrad der Kerntechniker angemessen. Der überwiegend jungen Einwohnerschaft (das Durchschnittsalter lag bei 26 Jahren) standen ein Kulturpalast, ein Theater, ein Kino, zwanzig Schulkomplexe und weiterführende Bildungseinrichtungen zur Verfügung, dazu das recht ansehnliche Hotel „Polessje“, ein Schwimm- und Sportzentrum, zwei Stadien. Nur der Vergnügungspark fehlte noch, seine Eröffnung war zur Feier des 1. Mai 1986 geplant. Vier Tage vorher kam es zur Katastrophe. Nun verrottet ein trauriges Riesenrad, das niemals seinen Dienst aufnahm, zum makabren Wahrzeichen des verfluchten Ortes.

Allerdings – mit Flüchen halten sich ehemalige Pripjatnitzi heute bemerkenswert zurück. Wenn sie Fremden, viel lieber aber noch untereinander, von damals erzählen, wird von der Blütenpracht im Stadtbild geschwärmt. Die Leute sprechen beinahe von nichts anderem. Gepflegte Rabatten an Straßen und Plätzen – Inbegriff geordneter Verhältnisse, die sie heute vermissen. Man sollte die Bewohner Pripjats als moderne Menschen bezeichnen, oder besser noch: als in der Moderne angekommene Menschen. Die Fraglosigkeit, mit der sie sich auf Atomstrom als Arbeits-, ja Lebensaufgabe einließen, war vom herrschenden Zeitgeist gedeckt: Im Dienste der strahlenden Energie waren sie Privilegierte, der Zukunft besonders nahe. Die klaren Linien ihrer Reißbrettstadt passten dazu.

Der rasante Aufschwung der Region und ihre jähe Verdammnis wurden zum Menetekel des enthusiastischen Fortschrittsglaubens. Die aus ihm mit Gewalt vertrieben wurden, stürzten ins Bodenlose. „Wir wissen nicht, wie wir dieses ganze Grauen deuten sollen“, so ein Zeuge der Ereignisse, „Tschernobyl ist weder mit unserer menschlichen Erfahrung noch mit unserer menschlichen Zeit zu messen…“ Und der so perfekt eingerichteten Welt ging es nicht anders: Sie fiel in albtraumhafte Erstarrung. „Eine Stadt nach einem Erdbeben schaut verwüsteter aus als die von außen wohnlich scheinenden Ruinen von Pripjat, wo der Verfall in Zeitlupe stattfindet.“ Juri Stscherbak, einer der ersten und wichtigsten Chronisten der Katastrophe, scheut nicht den biblischen Vergleich: „So wie die Zone muss die Hölle aussehen. Keine wirklich schreckliche Welt, vielmehr ein Paradies wie die Pripjat-Ebene, deren Schönheit kein Mensch mehr genießen kann, will er dieses Vergnügen nicht mit dem Leben bezahlen. Ihre Schönheit ist nun unberührbar, der Mensch hat sich selbst aus dieser Oase vertrieben.“ Mit der Stadtarchitektin Prozenko fuhr Stscherbak noch einmal an ihre alte Wirkungsstätte: „Maria, die eine Menge Kraft und Talent in die Ausgestaltung ihrer Heimatstadt eingebracht hatte, musste dann eigenhändig den Plan der Stacheldrahtabsperrungen für Pripjat zeichnen.“


Erinnerungen. Abenteuerland

Nach Auskunft des Internet-Lexikons Wikipedia verfügt Pripjat über eine Postleitzahl, eine Telefonvorwahl und sogar über einen Bürgermeister (mit Dienstsitz in Kiew); nur hinter der Einwohnerzahl steht eine Null. Dieser groteske Steckbrief beschreibt allerdings nicht die ganze Wahrheit. Denn auch nach dem Auszug ihrer gesamten Einwohnerschaft existiert die Stadt auf seltsame Art weiter.

Zuerst einmal sind, allen Kontrollposten zum Trotz, erstaunlich viele Menschen auf den rissigen Betonstraßen zumindest des Stadtzentrums unterwegs. Man trifft auf Wissenschaftler, Filmemacher, Sicherheitspersonal, in letzter Zeit immer häufiger auch auf Touristengruppen, die sich für ansehnliches Geld einen Kurztrip ins eigentlich verbotene Areal leisten. Anders als hinter der Grenze, im südlichen Belarus, gibt es in der Ukraine inzwischen viele, die an der „Zone“ kräftig verdienen. Was vor Jahren noch als Geheimtipp für Abenteuersüchtige geflüstert wurde, lässt sich inzwischen zu Pauschalpreisen im Internet buchen. In Kiew wird ganz unverblümt vom Tschernobyl-Tourismus als kommendem Wirtschaftsfaktor geredet. Dann existiert Pripjat als virtuelle Community. Unter dem Internetportal www.pripyat.com versammeln sich Neugierige, Geschäftemacher, echte und selbsternannte Experten. Wie einst in der Lokalzeitung werden Neuigkeiten ausgetauscht, internationale Gutachten kommentiert, aktuelle Bücher zum Tschernobyl-Thema empfohlen. Man erfährt, dass wieder ein ausländisches Fernsehteam zu Dreharbeiten angereist ist. Wer will, kann sich an Umfragen beteiligen. Ehemalige Bewohner halten „elektronisch“ Kontakt zu einstigen Nachbarn, Freunden, Kollegen. Sie stellen alte Fotos ins Netz oder erzählen einfach: Wisst Ihr noch…


* Walter Fust, Director of the Swiss Agency for Development and Cooperation. www.chernobyl.info

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