Die Faszination des Radikalen




Wenn ich mich recht erinnere, war es im Sommer 1987. Auf dem breiten Trottoir der Berliner Karl-Marx-Allee standen zwei Enddreißiger, der eine aus Darmstadt, der andere aus dem Prenzlauer Berg, und schauten einer Gruppe Studenten hinterher, die ausgeschwärmt waren, um das Hochhaus an der Weberwiese zu erkunden. „So so, Du bist nun also Professor geworden“, sagte der Ostberliner. „Ja“, antwortete der Gast aus dem Westen, „aber ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, was ich denen beibringen soll. Die wollen von mir zeichnen lernen, Fassaden, immer wieder nur Fassaden. Das kann ich gar nicht. Das haben wir doch gar nicht gelernt. Wir haben zum Diplom fünfzigseitige Aufsätze abgegeben, soziologische Abhandlungen, Fotos, Tabellen und Diagramme. Aber Zeichnen ...?“

Nicht, weil die Achtundsechziger momentan gerade Konjunktur in den Medien haben, sei hier diese kleine Begebenheit berichtet, sondern weil mein Thema „Die Faszination des Radikalen“ lautet. Und da hat von allen nachwachsenden Architektengenerationen der letzten fünfzig Jahre wohl keine sich so bereitwillig, ja geradezu exzessiv jener besagten Faszination hingegeben wie eben die, die man heute die Achtundsechziger nennt. In ihrem Aufbegehren gegen das, was seither „Establishment“ heißt, steckte mehr als die allgemeine Neugier und das provokante Gestikulieren des üblichen Generationenkonflikts. In diesem groß angelegten Versuch einer Neubestimmung aller gesellschaftlichen Konditionen rumorte eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt und zugleich die sehnsuchtsvolle Hoffnung, dass Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, erweitert noch um Wohlstand, Spaß und Bequemlichkeit, herstellbar sein müssten. Es war eine beschwingte Zeit voller Zuversicht und Übermut, tatendurstig und überschwänglich selbstgewiss, wie es wohl nur Aufbauphasen nach einer revolutionären Umwälzung sind. Und fand nicht in der Tat eine Revolution, wenigstens eine kleine, statt – weniger auf der Straße als vielmehr in den Köpfen? Wurden nicht ungeahnte Freiräume erobert, Begriffe neu besetzt? Alle Gewissheiten standen zur Disposition: Kritik, Aufklärung, Vernunft waren die Leitvokabeln der intellektuellen Bewegung. Kollektivität, Solidarität und Selbstbestimmtheit sollten das soziale Handeln prägen. Radikale Gebärden schmückten sich mit einem manchmal geradezu naiven Pathos. Wer es ernst nahm mit dem jugendlichen Aufbruch, der gönnte sich allerhand, aber er ließ sich auch fordern. Materielle Genügsamkeit wurde zur erstrangigen Tugend. Verzicht auf Komfort sollte Platz schaffen für neue Genüsse – für Reichtum an Kommunikation. Es war die hohe Zeit aktivistischer Poesie: „Wer keine Lust zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen.“ Noch galt: „Zukunft ist machbar – Herr Nachbar!“

Noch brüteten die Auguren des Club of Rome im Stillen über ihren Endzeitberechnungen. Dann, 1972, rückten sie mit ihren Resultaten heraus: Grenzen des Wachstums hieß die Denkschrift, die den tatsächlichen Epochenbruch unserer Tage einleiten sollte. 1972 – das Jahr, in dem in der Olympiastadt München die „heiteren Spiele“ im Blutbad auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck mündeten. Und noch einmal 1972 – das Jahr, in dem in der Siedlung Pruit Igoe in St.Louis/Missouri jene Wohnblockssprengung stattfand, die nach Charles Jencks „den Tod der modernen Architektur“ signalisierte. Auf welchem Feld der Wahrnehmungen oder Aktivitäten man sich auch bewegte – die Zeit des fröhlichen Revoltierens war kurz. Die folgenden siebziger und erst recht die achtziger Jahre wurden zu einer harten Schule der Wirklichkeit für jene über alle Maßen idealistisch motivierte Aufbruchsgeneration. Jetzt musste sich erweisen, was sie wirklich an Überzeugung und Haltung als Reisegepäck für‘s weitere Leben mitbekommen hatten.

Es ist kein Zufall, dass Hannes Meyer ausgerechnet in dieser Zeit der Revolte wieder entdeckt wurde. Die bürgerlich-etablierte Geschichtsschreibung hatte ihn bis dahin zielsicher „übersehen“. In deren „Archiven dämmert das unerschlossene Bewußtsein der Moderne, ihre Texte verfallen“, formulierte Thilo Hilpert 1989 in Dortmund. „Diese selektive Wahrnehmung trifft die Moderne insgesamt, ihre gesamte soziale und politische Dimension, ihre Sozialgeschichte und ihre Neuformulierung von Kunstpraxis. Weil Meyer besonders radikal darin war, trifft ihn dieses selektive Verdikt am radikalsten.“i Von vergleichbarer, grundsätzlicher, ja umstürzlerischer Radikalität musste demzufolge der antibürgerliche Impuls sein, der in den dämmerigen Archiven nach den noch ungehobenen Schätzen fahndet.

Aber auch umgekehrt gilt: Die achtundsechziger Bewegung, die – nach neuen Leitfiguren, Vordenkern, Gurus geradezu süchtig – das gesamte intellektuelle Inventar von Mitte-links bis ganz Links-außen nach bislang vergessenen oder verschwiegenen Botschaften durchforschte, konnte im Sektor „Architektur“ an Hannes Meyer einfach nicht vorbeikommen. Hätte es den Mann nicht wirklich gegeben, sie hätten ihn sich erfinden müssen. Und sie hätten ihn nie so zutreffend erfinden können, wie er tatsächlich ihren Idealvorstellungen entsprach – als Marxist (mit Hang zu dogmatischen Überspitzungen), als tätiger Freund der Proleten und wortgewaltiger Hasser der Bourgeoisie, als höhnischer Verächter akademischer Kunstfertigkeit und unbeirrbarer Verfechter des wissenschaftlich-technischen Fortschritts – kurz: ein Revolutionär wie aus dem Bilderbuch. Oder in der etwas freundlicheren Umschreibung Thilo Hilperts: „Wenn Gropius sich wie Goethe gebärdet hat, dann gebärdet Meyer sich wie Lenz.“ii (Man sieht: Auch die Hochkultur hat ihre Definitionen für’s Radikale.)

Die Begegnung der Achtundsechziger mit Hannes Meyer geschah im Status der Gleichberechtigung. Er wurde ihnen nicht als „Lehrer“ offeriert, dafür war die Aufarbeitung seines Lebenswerkes noch nicht weit genug gediehen (man betrachte nur die Erscheinungsdaten der wesentlichen Monografien – erst Mitte der siebziger Jahre wird ihre Reihe dichter). Auf Hannes Meyer stieß man damals, weil man in seinen, hier und da aufgeschnappten Theorien sich selbst wiederfand. Aber weil es an den Architekturschulen in jenen Jahren sehr wohl noch überwiegend üblich war, „den gesellschaftlichen Faktor als architekturbildend in den Vordergrund“iii zu stellen, traf man auf Hannes Meyer wie auf einen lange erwarteten Gesprächspartner. Zumindest die trafen ihn, die ihm auf der Wegstrecke linker Politisierung bereits ein Stück entgegengegangen waren. Er gab den eigenen, oft erst vagen Empfindungen den Schliff des provozierenden Zitats: „Bauen sei ein biologischer Vorgang und kein ästhetischer Prozeß. Bauen sei keine Affektleistung des Einzelnen, sondern eine kollektive Handlung. Bauen sei eine weltanschauliche Demonstration...:Volksbedarf statt Luxusbedarf“.iv Er war keiner, der umständlich zu neuen Einsichten überredete. Er führte die Konsequenzen des von ihm eingeschlagenen Weges vor Augen, schonungslos, und daran musste sich messen, wer sich selbst mehr abverlangte als unverbindliche Schwärmerei: „Das Bekenntnis zur fortschrittlichen Architektur ist ein politisches Bekenntnis, denn ihre Geburtsstätte ist die Barrikade und nicht das Reißbrett“.v Was für ein Satz! Endlich hatte man Le Corbusier mit seinem Irrtum von der Vermeidbarkeit der Revolution ein klares Wort entgegenzusetzen. Waren wir nicht Zeit-, manche unter uns sogar Augenzeugen, die einen vom Pariser Mai, die anderen vom Prager August? Das Wort „Barrikade“ war uns alles andere als eine romantische Fiktion – es hatte für uns einen guten, einen starken Klang.

Ich selbst stieß auf Hannes Meyer als Student in Weimar im vierten Semester. Eine Westtante hatte mir den ersten Band der Bauwelt-Fundamente geschickt – „Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts“. Den Einband zierte ein Foto, das mir bis heute als die genialste Chiffre erscheint von jenem „anderen Leben“, auf das hin wir zuerst uns selbst, und dann den Rest der Welt zu befreien gedachten: ein weißer, vollkommen kahler Raum, darin ein Feldbett, ein Klappstuhl an der Wand und in der Ecke auf fragilem Gestell ein riesiges Grammophon: Meyers Interieur Co-op von 1924. Mehr musste man mir, musste man uns damals von Wohnkultur und Lebensweise gar nicht erzählen. Ohnehin lebten ja die meisten von uns mit der Minimalausstattung Tisch/Stuhl/Bett/vier Obstkisten (eine für den Elektrokocher, drei für die Bücher), und dass wir uns darin glücklich fühlen konnten, war uns Beweis genug. „Friß Ananas, Bürger, und Haselhuhn / wirst bald deinen letzten Seufzer tun!“ Majakowski sprach uns aus dem Herzen und lieferte das feurige Pathos zu Brechts lehrsamer Moral: „Wer baute das siebentorige Theben ...“ Auch wir bastelten damals Entwürfe für Kommunehäuser und beglückten deren virtuelle Bewohner mit „gemeinschaftlichen Hausarbeitsräumen“, „multifunktionalen Kommunikationsbereichen“ und drumherum Mönchszellen für kreatives Alleinsein.

Architekten, zumal wenn sie ehrgeizig sind, haben Vorbilder. Sie berufen sich, je nach Neigung, auf Palladio oder Schinkel, auf Mies oder Le Corbusier, auf Alvar Aalto oder Louis Kahn, auf Zaha Hadid oder – neuestens – auf Peter Zumthor.

Könnten Architekten sich vielleicht auch auf Hannes Meyer berufen? Ist er mehr als ein umstrittener Forschungsgegenstand für Bauhistoriker?
Ich denke schon. Man darf ihn nur nicht nach einer formalen Handschrift absuchen, ihn überhaupt nicht in irgendeiner Weise auf „Formfragen“ reduzieren, wie zum Beispiel die Wortführer der Postmoderne dies taten. Deshalb geriet Meyer ihnen auch nicht ins Visier. Charles Jencks etwa, der Meyers Namen (wie auch einige andere wichtige) nicht ein einziges Mal erwähnt, arbeitet seinen Generalangriff auf die Moderne stattdessen ausgerechnet an Mies van der Rohe ab, dem klassischen Ästhetizisten unter den Modernen ... und verfehlt damit sein Ziel um Längen. Überzeugten Anhängern der Moderne, die Formfragen nie ohne ihren politischen, ökonomischen und sozialen Kontext zu verhandeln bereit waren, konnte der Postmoderne-Streit – zumindest wie er in der Architektur geführt wurde – eigentlich nur als Schattengefecht erscheinen.

Sehr wohl können Architekten sich auf Hannes Meyer berufen, nämlich auf seinen Begriff von den unverzichtbaren Horizonten des Berufs: „die neue baulehre ist eine erkenntnislehre vom dasein.“vi Beinahe noch treffender, auf jeden Fall noch griffiger, haben es die Herausgeber von Meyers Schriften, Briefe, Projekte (in der Dresdner Fundus-Reihe) auf den Punkt gebracht: Sie nannten das Buch Bauen und Gesellschaft.


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