Ein Waterloo für jede Denkmalsidee


Dresdner Lektionen



Seit langem gehört der Umbau Dresdens zu den gern observierten Themen des deutschen Feuilletons. Dabei liegt das Hauptaugenmerk bisher eher im historischen Feld. Denn in den denkmalpolitischen Debatten Europas hat sich die Totalrekonstruktion der Frauenkirche als genau das Signal erwiesen, das ihre Gegner von Beginn an befürchteten: Weil die Kirchenreplik zur nationalen Erfolgsgeschichte wurde, streitet ein Bürgerverein erfolgreich für die Wiederkehr auch des baulichen Umfeldes, und zwar ganz so, wie einst von Canaletto gemalt. Allein im stilistisch stimmigen Ambiente, so die mit allen Bandagen kämpfende Gesellschaft Historischer Neumarkt, käme das neuerstandene Gotteshaus angemessen zur Wirkung. Mit immer radikaleren Vorschlägen, gar einem Bürgerbegehren treibt der Verein seit Jahren die Verwaltung vor sich her. Die hätte hier lieber zeitgenössische Architektur gesehen, inspiriert und im Zaum gehalten durch etwa 15 „Leitbauten“ – also Häuser von besonderem baukünstlerischem Rang, die man nach Archivunterlagen detailnah rekonstruieren könnte. Doch so bescheiden war der Verein nie. Er forderte 30, besser 60 Häuserrepliken, am Ende ging es um alle 300 Parzellen des gesamten Neumarktareals – ungeachtet der Tatsache, dass davon allenfalls 170 überhaupt zur Verfügung stünden. Dann solle man eben die jüngst erst sanierten Wohnzeilen der Wilsdruffer Straße abreißen! Und der Kulturpalast müsse weg, die Ikone der Dresdner Nachkriegsmoderne ist den Stadtbildnostalgikern ohnehin ein Hassobjekt.

Natürlich hatte es auch Widerspruch gegeben. An internationalen Workshops, hochkarätigen Podien, prominenten Einwänden war kein Mangel. Allerdings haben die nie Meinungshoheit erringen können. „Am Neumarkt haben die Dresdner ein seelisches Problem, das architektonisch gelöst werden soll“, erklärt Wolfgang Hänsch, der Architekt u.a. des Kulturpalastes, die schiere Unmöglichkeit, den Konflikt rational beizulegen. Ein halbes Jahrhundert hat offenbar nicht gereicht, das Trauma des „Untergangs“ zu beschwichtigen.

Seit 1990 gilt sogar die modern inspirierte Wiederaufbauplanung offiziös als „zweite Zerstörung“ der Stadt. Anstelle von Glas, Stahl und Beton wird nach Holz, Stuck und Stein gerufen, also nach Gemüt und Tradition. Aber das gilt ja nun nicht für Dresden allein. „Die Liebe zu verschwundenen Denkmälern hat überall unbegreifliche Ausmaße angenommen“, spottete Gottfried Kiesow einmal, „stünde die Garnisonskirche in Potsdam noch, würde für deren kaputtes Dach kaum jemand spenden.“ Schönheit an sich hat Konjunktur! Wem das Leben Angst macht, der schmiegt sich gern in vertraute Gefälligkeit.

Doch das Erzeugen von Wohlfühlstimmungen gehört nicht zu den primären Aufgaben der Denkmalpflege, weshalb diese zu Projekten totalen Wiederaufbaus bislang konsequent auf Distanz ging. Mit Rettung und Pflege noch auffindbarer Originalsubstanz ist sie überfordert genug: Politisch in Stich gelassen, musste sie am Neumarkt ohnmächtig zuschauen, wie die unterm Pflaster erhaltenen Originalkeller der 1945 verbrannten Häuser herausgerissen wurden, damit die frisch betonierten Barockimitate nicht auf Tiefgaragen verzichten müssen. Das definitive Waterloo für jede Denkmalsidee. Wie lange wird sich ein fachlich fundierter Denkmalbegriff in den alltäglichen Konflikten zwischen „schön“ oder „wahr“ noch durchsetzen können? Immer häufiger sehen Bauhistoriker sich als stilkundliche Berater in urbane Marketingstrategien verstrickt. Städte werden zu Themenparks umgerüstet, die „Gute alte Zeit“ avanciert zum weichen Standortfaktor. Und Dresden gilt dafür mittlerweile als unschlagbare Referenz: Im ersten Jahr nach ihrer Wiedereröffnung haben anderthalb Millionen Menschen die neue Frauenkirche besucht. Um spürbare zwanzig Prozent war der Fremdenverkehr der Elbmetropole gestiegen, weshalb die FAZ den spektakulären Bau ein „Geschenk des Himmels“ nannte – nicht im Kultur- und nicht im Reise-, sondern im Wirtschaftsteil.



Gruselkabinett städtebaulicher Sünden

Im Vergleich zum umstrittenen Barock-Revival war überörtliches Interesse am Schicksal der Wiederaufbaustadt eher gering. Vielleicht, weil die hier infrage stehende Architektur noch nicht ganz so viele Freunde zu mobilisieren vermag? Die sächsische Denkmalpflege hat in Sachen moderner DDR-Planungen durchaus Gespür und Stehvermögen bewiesen ... aber leider nur in Chemnitz, wo seit Anfang der Neunzigerjahre die Straße der Nationen unter Ensembleschutz steht. Im barockseligen „Elbflorenz“ war der Gegenwind allzeit stärker. Dabei hatte Dresden, vor allem mit der Prager Straße, zur Weltkultur der Nachkriegsmoderne genauso viel international Überragendes zu bieten wie mit Zwinger und Frauenkirche zur Weltkultur des Barocks.

Immerhin war über die Jahre ein Meinungswandel zu beobachten: Vom „Gruselkabinett städtebaulicher Sünden schlechthin“[1] sprach Ingolf Rossberg, der erste Nachwende-Baubürgermeister. Die „soldatische Aneinanderreihung von Blöcken und Zeilen“[2] beklagte dessen Nachfolger Gunter Just. „Eine der herausragendsten Raumschöpfungen des 20. Jahrhunderts“ sahen zehn Jahre später zwei enorm rührige Bürgerinitiativen zur Rettung von Rundkino und Warenhaus bedroht. In einer zornbebenden Philippika schließlich verteidigte Peter Richter „die ganze subtile Musikalität dieser Anlage“ gegen das, „was ihr an engstirnigen, restaurativen und zynischen Nachwende-Architekturen so alles entgegengesetzt wurde.“[3]

Beim Imageverfall, den die DDR-Architektur nach dem Bankrott des Staatssozialismus allerorts erlitt, liegt es nahe, die Übersprungsreaktion eines überforderten Publikums zu vermuten. Dieses Publikum identifiziert die Bauten der DDR-Moderne unmittelbar mit dem politischen System, weshalb ein Bildersturm eigentlich zu erwarten war. Zugezogene Entscheidungseliten aus dem Westen erhoben zudem ihre mitgebrachte Abneigung gegenüber „Bauwirtschaftsfunktionalismus“ und „Gleichmacherei“ zur kulturellen Norm, manch geradezu hysterisch artikulierter Sinneswandel vormaliger DDR-Bürger erhielt so auch einen Beigeschmack von kulturellem Seitenwechsel.


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