Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

„Wahlkampf in Brandenburg, August 2019“

Wer holt da was von wem zurück, und dann: wohin?
 

Zitat des Monats

„Wenn es ans Eigene geht, neigen alle Lebewesen zur Intoleranz.“
(André Mielke)
 

Neuigkeiten/Empfehlungen


Drei Mythen des Neuen Berlin - ein Ausstellungsprojekt
„Der Fall der Berliner Mauer vor dreißig Jahren …wirkte sich auch sehr konkret auf die Stadtentwicklung Berlins aus. Anstatt sich mit der vielschichtigen Qualität der Stadt, in der die kapitalistische und die realsozialistische Weltordnung räumlich aufeinanderprallten, auseinanderzusetzen, entschied sich die vorherrschende Politik seit 1989 für eine Glättung des Raums. Sie schuf dabei drei Mythen: den Mythos der Geschichte, den Mythos des Marktes und den Mythos der Kreativität.
Auf der architektonischen Ebene wurde zunächst ein Neo-Historismus als angeblich spezifische Architektur für Berlin konstruiert. Er bediente in erster Linie den Wunsch des wiedervereinigten Deutschlands nach historischer Kontinuität und nationaler Identität. Damit wurde die Idee einer offenen Zukunft zugunsten einer fiktiven Vergangenheit aufgegeben.
Die Rekonstruktionsdebatte der neunziger Jahre wirkte jedoch auch als ideologische Verschleierung der tatsächlichen Transformationsprozesse, die sowohl politischer als auch wirtschaftlicher Natur waren. Schließlich hat die Marktwirtschaft den Sozialismus besiegt, und diesen Sieg wollte die offizielle Raumpolitik auf der zweiten, der städtebaulichen Ebene nicht nur abbilden (indem Spuren der ostdeutschen Moderne ausradiert sowie Teile des Stadtgrundrisses rekonstruiert wurden), sondern auch ökonomisch irreversibel machen: Tiefgreifende Verwaltungsreformen machten den Weg frei für eine umfangreiche Privatisierung kommunaler Liegenschaften. Ein Schritt mit erheblichen Langzeitfolgen, die Berlin heute stark unter Druck setzen.
Diese neoliberale Transformation der Stadt wurde von einer Sparpolitik begleitet, die, und dies ist die dritte Ebene der Untersuchung, rhetorisch in die Sprache des Creative-City-Diskurses gehüllt wurde. Mittels einer gezielten Inwertsetzung von (Sub)Kultur wurde das kreative Berlin als ein globaler Sehnsuchtsort etabliert.
Die Ausstellung skizziert die urbanistische und architektonische Entwicklung vom vermeintlichen "Ende der Geschichte" her: Wie ist Berlin zu dem geworden, was es heute ist?“

1989–2019: Politik des Raums im Neuen Berlin
Eine Ausstellung des Neuen Berliner Kunstvereins n.b.k.
vom 12. September bis 13. Oktober 2019
Ort: n.b.k., Chausseestraße 128/129, 10115 Berlin
mehr Infos unter: https://www.archplus.net/home/projekte/1989-2019-politik-des-raums-im-neuen-berlin


Neuerscheinung: "Die Architektur des 7. Tages"
3779 Kirchen wurden in der Volksrepublik Polen gebaut, ohne reguläre Genehmigung, ohne Baubetriebe mit erforderlicher Technik, ohne Materialzuteilung und ausschließlich aus Spenden finanziert! Das gewaltigste Crowdsourcing-Programm, zugleich die beeindruckendste Selbstbau-Welle der neuzeitlichen Baugeschichte! Und herausgekommen sind dabei nicht etwa schräge Baracken oder sonstwie skurrile Machwerke, sondern imposante, oft theatralische, manchmal auftrumpfende, auf jeden Fall exzessiv originelle Architekturen.
Vor zwei Jahren schon als Ausstellung im Polnischen Zentrum Berlin zu bestaunen, liegt das - durchweg aus Drohnen-Perspektive ("Engelblick") fotografierte - Material nun endlich als Buch vor. Einige Interviews mit damaligen Akteuren sowie eine leider zu knappe Beschreibung dieses hoch engagierten Forschungsprojekts runden den sprachlos machenden Bildteil ab. Eine architektonische Parallelgesellschaft!

Izabela Cichonska, Karoline Popera und Kuba Snopek:
Day-VII Architecture. A Catalogue of Polish Curches post 1945
Berlin (Dom Publishers) 2019. 275 S., viele Abb., Texte engl.
www.bauwelt.de/das-heft/Kirchen-im-sozialistischen-Polen