Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

„Warten auf die Energiewende“

 
Metsamor, Armenien, 2016.
Im Hintergrund das einzige Kernkraftwerk der Kaukasus-Region, in einem seismisch hochgradig aktiven Gebiet. Foto: W. Kil
 

Zitat des Monats

„Mit dem Klima kann man keine Kompromisse schließen.“
(eine 15jährige Autorin zum „Klimapaket“ der Bundesregierung)
 

Neuigkeiten/Empfehlungen

 
Gute Nachricht aus Hoyerswera: Eine Stadt pflanzt!
Unter dem Motto: „Alle reden von der Klimakrise – wir machen was dagegen!“ hat eine Hoyerswerdaer Bürgerin kurzentschlossen eine eigene 13.000 qm (1,3 ha) große Brachfläche zur Verfügung gestellt. Dort soll eine öffentliche Streuobstwiese entstehen. Am 3., 12. und 31. Oktober werden jeweils „volksfestartige Pflanzpartys“ stattfinden. Interessierte Bürger sind aufgerufen, Baumsetzlinge mitzubringen (oder dafür per Crowdfunding zu spenden). Für ein fachgerechtes Einpflanzen der Bäume stehen Baumgärtner zur Verfügung, das erste Angießen übernimmt eine Firma mit Tankwagen. Falls der Herbst weiter so trocken bleibt, hat ein Kleingarten mit Tiefbrunnen Hilfe angeboten. Für die langfristige Bewässerung wurde beim Bürgerhaushalt 2020 ein Antrag auf 6.000 € für einen Teich mit Schwengelpumpe gestellt.
Quelle: Olaf Winkler, Hoyerswerda, olafwinklerpost@gmail.com
Für Spenden: https://www.betterplace.me/eine-stadt-pflanzt-baeume-fuer-hoyerswerda79?fbclid=IwAR1mzb_L2dxkNlT4WCebUkREnmOTEOM4kxbxqlR0cclaFcN3sBSeaBuxjtk

 

Gute Nachricht aus Potsdam: Glockenspiel der Garnisonkirche abgeschaltet
Nachdem zahlreiche prominente Unterzeichner in einem offenen Brief Mitte August die revisionistischen und militaristischen Widmungen der Glocken kritisierten, hat die Stadt Potsdam gemeinsam mit der Stiftung Garnisonkirche am 5. September das Glockenspiel der Garnisonkirche bis auf weiteres abgeschaltet. Laut Auskunft des Potsdamer OB Mike Schubert (SPD) soll die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Glockenspiels wissenschaftlich untersucht und eine öffentliche Diskussion geführt werden, wie mit diesem Ort und dem Glockenspiel zukünftig umzugehen sei.
Zugleich kündigten die Initiatoren des Offenen Briefes die Realisierung eines unabhängigen „Lernorts Garnisonkirche Potsdam“ an, in dem die problematische Seite der Kirchen- und Wiederaufbaugeschichte wissenschaftlich fundiert dargestellt werden wird. Gemeinsam mit der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (Prof. Steffen Schuhmann) werden die Universität Kassel (Prof. Philipp Oswalt) und die Martin Niemöller-Stiftung ein digitales Informationsportal im Internet sowie einen analogen Informationsort bis März 2020 realisieren. Das Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum am Standort der ehemaligen Garnisonkirche ist als möglicher Ort angefragt. Renommierte Wissenschaftler haben ihre Mitarbeit zugesagt.
Quelle: Pressemitteilung Philipp Oswalt vom 10.9.2019


Die Ostdeutschen: Kunde von einem verlorenen Land.
Lesung von Wolfgang Engler. Das Gespräch dazu moderiert Wolfgang Kil

Fern von Dämonisierung und Verklärung geht Wolfgang Engler der Widersprüchlichkeit der DDR-Erfahrung auf den Grund. Anhand von Geschichten und Lebenszeugnissen berichtigt er stereotype Urteile über die Mentalität der Ostdeutschen und untersucht, wie die ostdeutsche Gesellschaft das, was von oben in sie eingeflanzt wurde, verarbeitete und umdeutete. Im anschließenden Gespräch wird näher herauszufinden sein, wie „Würde im Umgang mit der Macht“ zu behaupten war, wie die Ostdeutschen mit den veränderten Machtverhältnissen zurecht kamen.

Donnerstag, 31.10. 19 Uhr
BAT Studiotheater der HfS Ernst Busch, Belforter Str. 15, 10405 Berlin
 

Museumstipp: Gropius, der Versager
Am 8. September wurde in Dessau das neue Bauhaus-Museum eröffnet. Über die Qualitäten des Bauwerks und der Ausstellung wird man in der Bauwelt Heft 21/19 ausführlicher lesen können. Hier nur ein köstlicher Geheimtipp für Leute, die die akademische Baugeschichte gern gegen den Strich lesen: In der nördlichen Raumerweiterung („Bauhaus in der DDR“) gibt es eine Wand mit Kurzdarstellungen der wichtigsten Bauhaus-Ausstellungen von 1929 bis 1969. Zu der berühmten Ausstellung im New Yorker MoMa 1939 wird nun ein Hörerlebnis der besonderen Art geboten: Da wird ein Brief an Walter Gropius verlesen, in dem der damalige MoMa-Direktor Alfred H. Barr Jr. nicht nur den krassen Misserfolg der Präsentation beklagt, sondern den Kuratoren (Gropius und Bayer) unerträgliche Defizite in puncto Professionalität und Neuigkeitswert der gezeigten Arbeiten bescheinigt. Ein unglaubliches Dokument der Schmach, das dem Triumphzug der stolzen „Kulturbotschafter“ in den USA allerdings keinen Schaden tat.
Fünf Meter weiter gibt es dann noch jene fatale Rede anzuhören, mit der Walter Gropius 1969 in Stuttgart vor die protestierenden Ulmer Studenten trat. Hätten sie ihm da doch lieber das Megaphon weggenommen...
 
 
Die umkämpfte Heimat versnobter Mittelklassen
„Die Subjekte der urbanen kosmopolitischen Mittelklasse sehen sich als Träger einer zukunftsweisenden Lebensform, die sie zum gesellschaftlichen Maßstab gelingenden und erfolgreichen Lebens insgesamt erheben. Die eigenen Privilegien scheinen kulturellen Ursprungs zu sein. Soziale Ungleichheiten werden dann nicht auf kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse, sondern auf ‚die Persönlichkeit‘, d.h. auf Unterschiede in Geschmack, Wissen und Differenzen in der Lebensführung insgesamt zurückgeführt. Persönlichkeit und Lebensformen anderer Milieus erscheinen vor diesem Hintergrund als weniger differenziert und damit auch weniger wertvoll: Aus kosmopolitischer Sicht offenbart sich in der Vorstellung von Heimat als Schicksal eine ‚enge‘, begrenzte Haltung. […]
Ähnlich wie die Vertreter des Heimat-als-Schicksal-Modells verteidigen auch die Kulturkosmopoliten einen exklusiven Lebensraum. Es sind die urbanen Zentren, die mit der Reproduktion historischer Stadtarchitekturen zu privilegierten Erlebnisbereichen für Kultur- und Lifestyle-Konsum, Freizeit und Tourismus geworden sind. Die Möglichkeit, sich wiederholt in diesen Räumen aufzuhalten oder gar dauerhaft in ihnen zu leben, bildet vielerorts mittlerweile ein Privileg. […] Generell gilt: Wer sich die teuren Mieten der attraktiven Stadtquartiere nicht leisten kann und in den Restaurants auf den öffentlichen Plätzen nicht konsumiert, findet in den historischen Kulissen der europäischen Großstädte keine akzeptierten Verweilmöglichkeiten mehr.“

Nicht nur, weil es sich auch ausführlich mit den aktuellen Diskursen um Heimat beschäftigt und dabei einige längst vermutete Zusammenhänge endlich in gebotener Klarheit zur Sprache bringt, gehört dieses Buch ganz sicher zu den wichtigsten Lektüren im momentanen Debattenfeld:
Cornelia Koppetsch:
Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter
Bielefeld (transkript verlag) 2019. 285 Seiten
 
 
Neuerscheinung: "Die Architektur des 7. Tages"
3779 Kirchen wurden in der Volksrepublik Polen gebaut, ohne reguläre Genehmigung, ohne Baubetriebe mit erforderlicher Technik, ohne Materialzuteilung und ausschließlich aus Spenden finanziert! Das gewaltigste Crowdsourcing-Programm, zugleich die beeindruckendste Selbstbau-Welle der neuzeitlichen Baugeschichte! Und herausgekommen sind dabei nicht etwa schräge Baracken oder sonstwie skurrile Machwerke, sondern imposante, oft theatralische, manchmal auftrumpfende, auf jeden Fall exzessiv originelle Architekturen.
Vor zwei Jahren schon als Ausstellung im Polnischen Zentrum Berlin zu bestaunen, liegt das - durchweg aus Drohnen-Perspektive ("Engelblick") fotografierte - Material nun endlich als Buch vor. Einige Interviews mit damaligen Akteuren sowie eine leider zu knappe Beschreibung dieses hoch engagierten Forschungsprojekts runden den sprachlos machenden Bildteil ab. Eine architektonische Parallelgesellschaft!

Izabela Cichonska, Karoline Popera und Kuba Snopek:
Day-VII Architecture. A Catalogue of Polish Curches post 1945
Berlin (Dom Publishers) 2019. 275 S., viele Abb., Texte engl.
www.bauwelt.de/das-heft/Kirchen-im-sozialistischen-Polen