Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Schaubild 1. Preis, Abb.: Michael Muffler Architekten, Tuttlingen


Die Demokratie aus der Puppenstube?

"Weimarer Verhältnisse" waren alles andere als beschaulich.

Vor ein paar Wochen hatte DIE ZEIT ein großes Lamento über den Zustand der Frankfurter Paulskirche angestimmt. Beklagt wurden die „trostlosen Vitrinen im Halbdunkel“ der Wandelhalle, dem skurrilen Bilderfries des Westberliner Realisten Johannes Grützke wurde „quälende Ratlosigkeit“ attestiert angesichts der einst doch so hoffnungsfrohen politischen Vorgänge. Der brisanteste Vorwurf galt aber der bis dahin noch nie infrage gestellten Grundidee des prominenten Erinnerungsortes: Rudolf Schwarz als Architekt des Wiederraufbaus hätte, so moniert der Autor, mit seiner „archaisch-kargen“ Raumstimmung die kriegsversehrte Ruine in „eine edle Buß- und Reue-Architektur“ uminterpretiert. „Wer in dieser fahlen Frömmigkeit, diesem vollkommen enthistorisierten Raum noch das Parlament von 1848 erkennen will, braucht sehr viel Fantasie.“ (1) Die kulturkritische Attacke passt genau in das Stimmungsbild dieser Tage. Nachdenklichkeit über den politischen Geist unseres Gemeinwesens meldet sich allenthalben, und die durch den Regierungsumzug allzu rasch beendeten Debatten um eine neue „Berliner Republik“ liegen auch schon zwei Jahrzehnte zurück. Damals in den Neunzigern gab es – pointiert im Spannungsfeld zwischen Günter Behnisch und Axel Schultes – letztmalig Anlass, über politische Sinngehalte der Architektur zu streiten.

Kommen die alten Fragen nun wieder? Man möchte so denken, denn als „Symbolort der ersten deutschen Demokratie schlechthin“ ist neuerdings eine weitere Adresse im Gespräch: das Deutsche Nationaltheater in Weimar, in dem von März bis August 1919 die Nationalversammlung tagte und man erstmals Schwarz-Rot-Gold als Staatsflagge hisste. Hinter der neoklassizistischen Fassade wurden die Weimarer Reichsverfassung verabschiedet, der Versailler Vertrag ratifiziert, Friedrich Ebert als Reichspräsident vereidigt. Grundrechte und Freiheiten, Mitbestimmung, Gleichberechtigung von Frauen, fortschrittliche Sozialgesetzgebung: „Die Weimarer Republik ist verbunden mit dem Aufbruch der Deutschen in das Zeitalter der Moderne, so widersprüchlich er auch blieb.“ Unter solch hehrem Anspruch hatte sich 2013 ein Verein gegründet, der die republikanischen Errungenschaften würdigen, „ihre Probleme verstehen und aus ihrem Scheitern Schlüsse ziehen“ wollte. [...] Seine Ideen für ein „Haus der Weimarer Republik“ fanden Unterstützung durch Prominente aus Medien, Wissenschaft und Politik. Das Justizministerium versprach 300.000 Euro Jahresförderung, der Bundestag für das Jubiläum 2019 gar eine Million. Damit wurden die Planungen konkret.

Unter mehreren Standorten in Weimar drängte der Theaterplatz sich geradezu auf. Dort steht ein bescheidener Pavillon, das „Kulissenhaus“, 1823 von Clemens W. Coudray als Remise errichtet, später Bühnenlager und in den 1950er Jahren zur Kunsthalle umgebaut. Mitte der 1990er Jahre zog hier Weimars ständige Bauhaus-Ausstellung ein. Mochte der klassizistische Auftritt des Pavillons noch so sehr mit den weltberühmten Schaustücken der Avantgarde im Widerstreit liegen – die zentrale Lage im Herzen der Stadt versprach hohe Besucherzahlen. [...]

Der Wettbewerb
Ein einstufiger internationaler Wettbewerb wurde im Mai 2017 entschieden. So attraktiv allerdings die Aufgabenstellung klang, die Standortwahl erwies sich als problematisch. Die Kunsthalle ist nämlich eingetragenes Baudenkmal. An deren Rückseite setzen ebenfalls geschützte barocke Mauerreste jeder Erweiterung engste Grenzen. Wenn schon nicht Rekonstruktion des dort im Krieg zerstörten Vorgängerbaus, so wünscht die Denkmalpflege doch den Wiederschein von dessen historischer Kubatur. Grundflächen wie Umrissdimensionen waren also fixiert, Spielraum für architektonische Gesten blieb kaum.

61 Einsender mühten sich redlich, doch unter solchen Restriktionen nach originellen Gestaltideen, nach neuzeitlichen Würdeformen oder gar einer architecture parlante zu suchen, war offensichtlich zu viel verlangt. Man mochte die Jury um ihre Arbeit nicht beneiden: Einziger Grundsatzkonflikt war, ob der rückwärtige Anbau vom Theaterplatz aus sichtbar sein sollte oder nicht. Ansonsten gab es so manche pathetische Säulen- oder Pfeilerreihe, am häufigsten jedoch Kaufhauskisten im Westentaschenformat. Einzelne Ausreißer, etwa ein wilder Wolkenbügel oder auf kahle Hüllen projizierte Historienfassaden, unterstrichen eher noch die Unmöglichkeit, dem engen Korsett mit Anstand zu entkommen. [...]

Kleine Stadt unter Jubiläumsdruck
Weil 2019 nicht nur für das Bauhaus, sondern auch in Sachen Weimarer Republik das hundertjährige Jubiläum ansteht, haben sich Vereinsgründer und Stadt auf eine Hauruck-Investition eingelassen, deren vorliegende Pläne keinerlei Enthusiasmus wecken. Was nur vordergründig an der Banalität der verzagten Wettbewerbsentwürfe liegen mag – die eigentliche Crux ist der Ort, genauer: sein kuscheliger Kontext. Während am Rande des historischen Gauforums, und wie verführt von dessen unseliger Hybris, der Betonklotz des künftigen Bauhaus-Museums übermächtig auftrumpft, bleibt für den „Denk- und Lernort der Demokratie“ nur die Enge der Murkelei? Um nicht falsch verstanden zu werden: In seiner Provinzhaftigkeit findet das klassische Weimar zu ganz eigener Größe, nicht umsonst wurde der kompletten Altstadt das Prädikat „Welterbe-Schutzzone“ verliehen. Und hier am Zeughof geht es um Alt-Weimars Puppenstube: Der Donndorfbrunnen zwischen Geleitstraße und Rittergasse hat noch jeden Weimar-Freund zu Tränen gerührt; dass Denkmalpfleger da besonders rigide auf Zurückhaltung pochen, ist unvermeidlich.

Doch ist das dann der Ort, an dem der „Aufbruch der Deutschen in das Zeitalter der Moderne“ begreifbar wird? Soll man wirklich erst draußen, bei Walter Gropius‘ Märzgefallenendenkmal, auf das Zwiegesicht „Weimarer Verhältnisse“ stoßen, zu dem ja auch Inflation, Kapp-Putsch, Weltwirtschaftskrise gehörten? In Weimar wurden Demokratie und Moderne zur Grundlage eines folgenreichen Gesellschaftsprojekts. Was an diesem Projekt zu feiern, woran zu gemahnen ist, soll der zu begründende Ort erst noch erweisen. Niemand erwartet deshalb kristallene Kuppeln oder Tatlin-Türme. Aber fällt uns außer Historienstolz, Bravsein und Idylle zum ganz großen Thema wirklich gar nichts anderes mehr ein?

 
(1) Benedikt Erenz: Was wird aus der Paulskirche? In: DIE ZEIT, Nr. 42 vom 12. 10. 2017
 
Erschienen in Bauwelt Nr. 2/2018

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