Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Abriss CENTRUM Warenhaus Prager Straße, Foto: Wolfgang Kil


Ein Waterloo für jede Denkmalsidee

Dresdner Lektionen

Seit langem gehört der Umbau Dresdens zu den gern observierten Themen des deutschen Feuilletons. Dabei liegt das Hauptaugenmerk bisher eher im historischen Feld. Denn in den denkmalpolitischen Debatten Europas hat sich die Totalrekonstruktion der Frauenkirche als genau das Signal erwiesen, das ihre Gegner von Beginn an befürchteten: Weil die Kirchenreplik zur nationalen Erfolgsgeschichte wurde, streitet ein Bürgerverein erfolgreich für die Wiederkehr auch des baulichen Umfeldes, und zwar ganz so, wie einst von Canaletto gemalt. Allein im stilistisch stimmigen Ambiente, so die mit allen Bandagen kämpfende Gesellschaft Historischer Neumarkt, käme das neuerstandene Gotteshaus angemessen zur Wirkung. Mit immer radikaleren Vorschlägen, gar einem Bürgerbegehren treibt der Verein seit Jahren die Verwaltung vor sich her. Die hätte hier lieber zeitgenössische Architektur gesehen, inspiriert und im Zaum gehalten durch etwa 15 „Leitbauten“ – also Häuser von besonderem baukünstlerischem Rang, die man nach Archivunterlagen detailnah rekonstruieren könnte. Doch so bescheiden war der Verein nie. Er forderte 30, besser 60 Häuserrepliken, am Ende ging es um alle 300 Parzellen des gesamten Neumarktareals – ungeachtet der Tatsache, dass davon allenfalls 170 überhaupt zur Verfügung stünden. Dann solle man eben die jüngst erst sanierten Wohnzeilen der Wilsdruffer Straße abreißen! Und der Kulturpalast müsse weg, die Ikone der Dresdner Nachkriegsmoderne ist den Stadtbildnostalgikern ohnehin ein Hassobjekt.

Natürlich hatte es auch Widerspruch gegeben. An internationalen Workshops, hochkarätigen Podien, prominenten Einwänden war kein Mangel. Allerdings haben die nie Meinungshoheit erringen können. „Am Neumarkt haben die Dresdner ein seelisches Problem, das architektonisch gelöst werden soll“, erklärt Wolfgang Hänsch, der Architekt u.a. des Kulturpalastes, die schiere Unmöglichkeit, den Konflikt rational beizulegen. Ein halbes Jahrhundert hat offenbar nicht gereicht, das Trauma des „Untergangs“ zu beschwichtigen.

Seit 1990 gilt sogar die modern inspirierte Wiederaufbauplanung offiziös als „zweite Zerstörung“ der Stadt. Anstelle von Glas, Stahl und Beton wird nach Holz, Stuck und Stein gerufen, also nach Gemüt und Tradition. Aber das gilt ja nun nicht für Dresden allein. „Die Liebe zu verschwundenen Denkmälern hat überall unbegreifliche Ausmaße angenommen“, spottete Gottfried Kiesow einmal, „stünde die Garnisonskirche in Potsdam noch, würde für deren kaputtes Dach kaum jemand spenden.“ Schönheit an sich hat Konjunktur! Wem das Leben Angst macht, der schmiegt sich gern in vertraute Gefälligkeit.

Doch das Erzeugen von Wohlfühlstimmungen gehört nicht zu den primären Aufgaben der Denkmalpflege, weshalb diese zu Projekten totalen Wiederaufbaus bislang konsequent auf Distanz ging. Mit Rettung und Pflege noch auffindbarer Originalsubstanz ist sie überfordert genug: Politisch in Stich gelassen, musste sie am Neumarkt ohnmächtig zuschauen, wie die unterm Pflaster erhaltenen Originalkeller der 1945 verbrannten Häuser herausgerissen wurden, damit die frisch betonierten Barockimitate nicht auf Tiefgaragen verzichten müssen. Das definitive Waterloo für jede Denkmalsidee. Wie lange wird sich ein fachlich fundierter Denkmalbegriff in den alltäglichen Konflikten zwischen „schön“ oder „wahr“ noch durchsetzen können? Immer häufiger sehen Bauhistoriker sich als stilkundliche Berater in urbane Marketingstrategien verstrickt. Städte werden zu Themenparks umgerüstet, die „Gute alte Zeit“ avanciert zum weichen Standortfaktor. Und Dresden gilt dafür mittlerweile als unschlagbare Referenz: Im ersten Jahr nach ihrer Wiedereröffnung haben anderthalb Millionen Menschen die neue Frauenkirche besucht. Um spürbare zwanzig Prozent war der Fremdenverkehr der Elbmetropole gestiegen [*], weshalb die FAZ den spektakulären Bau ein „Geschenk des Himmels“ nannte – nicht im Kultur- und nicht im Reise-, sondern im Wirtschaftsteil.


Gruselkabinett städtebaulicher Sünden

Im Vergleich zum umstrittenen Barock-Revival war überörtliches Interesse am Schicksal der Wiederaufbaustadt eher gering. Vielleicht, weil die hier infrage stehende Architektur noch nicht ganz so viele Freunde zu mobilisieren vermag? Die sächsische Denkmalpflege hat in Sachen moderner DDR-Planungen durchaus Gespür und Stehvermögen bewiesen ... aber leider nur in Chemnitz, wo seit Anfang der Neunzigerjahre die Straße der Nationen unter Ensembleschutz steht. Im barockseligen „Elbflorenz“ war der Gegenwind allzeit stärker. Dabei hatte Dresden, vor allem mit der Prager Straße, zur Weltkultur der Nachkriegsmoderne genauso viel international Überragendes zu bieten wie mit Zwinger und Frauenkirche zur Weltkultur des Barocks.

Immerhin war über die Jahre ein Meinungswandel zu beobachten: Vom „Gruselkabinett städtebaulicher Sünden schlechthin“[1] sprach Ingolf Rossberg, der erste Nachwende-Baubürgermeister. Die „soldatische Aneinanderreihung von Blöcken und Zeilen“[2] beklagte dessen Nachfolger Gunter Just. „Eine der herausragendsten Raumschöpfungen des 20. Jahrhunderts“ sahen zehn Jahre später zwei enorm rührige Bürgerinitiativen zur Rettung von Rundkino und Warenhaus bedroht. In einer zornbebenden Philippika schließlich verteidigte Peter Richter „die ganze subtile Musikalität dieser Anlage“ gegen das, „was ihr an engstirnigen, restaurativen und zynischen Nachwende-Architekturen so alles entgegengesetzt wurde.“[3]

Beim Imageverfall, den die DDR-Architektur nach dem Bankrott des Staatssozialismus allerorts erlitt, liegt es nahe, die Übersprungsreaktion eines überforderten Publikums zu vermuten. Dieses Publikum identifiziert die Bauten der DDR-Moderne unmittelbar mit dem politischen System, weshalb ein Bildersturm eigentlich zu erwarten war. Zugezogene Entscheidungseliten aus dem Westen erhoben zudem ihre mitgebrachte Abneigung gegenüber „Bauwirtschaftsfunktionalismus“ und „Gleichmacherei“ zur kulturellen Norm, manch geradezu hysterisch artikulierter Sinneswandel vormaliger DDR-Bürger erhielt so auch einen Beigeschmack von kulturellem Seitenwechsel.

Aber es gibt noch die ökonomische Analyse: Die nun herrschende Stadtpolitik, die Stadt vor allem als Bauflächenmarkt begreift, steht angesichts des baulichen DDR-Erbes vor urbanen Strukturen, in denen es eher um Sein denn um Haben ging. Ein solches Erbe muss heute als hoffnungslos unpraktisch, ja dysfunktional gelten und zur Gewinntauglichkeit erst einmal gründlich umgekrempelt werden. In den ersten Jahren nach der Vereinigung wurden die (z. T. unvollendeten) Hinterlassenschaften der DDR-Planer vor allem als „anmaßende Raumverschwendung“ und „nutzlose, windige Brachen“ denunziert. Was an deren Stelle unter dem Slogan „Urbanität ist Dichte“ entstehen sollte, lässt sich nun heute rings um das Rundkino oder südlich des Altmarktes studieren. Dort hat ein horrender Verkaufsflächen-Overkill zu solch baulichem Gedränge geführt, als wäre aus dem „Dickicht der Städte“ nie der sehnsuchtsvolle Ruf nach „Licht, Luft, Sonne“ ergangen.

Es muss zu denken geben, wie bei der rabiaten Umdeutung der Prager Straße vom klaren Raumkunstwerk der Swinging Sixties hin zur labyrinthischen Konsummeile ausgerechnet das Ideelle an der „Europäischen Stadt“ auf der Strecke blieb. Deren entscheidende Qualität liegt ja nicht in der Enge winkliger Straßen und Plätze, sondern in der Sorge und Sorgfalt für den öffentlichen Raum. Wobei Öffentlichkeit hier ebenfalls auf Gleichheit zielt – nicht im Sinne des bürgerlichen Horrorbildes uniformierten Ameisentums, sondern als Egalité: Bürger einer Stadt sein bedeutete danach nicht, sich als Bourgeois mit seinem Vermögen zu zeigen, sondern sich als Citoyen zu erfahren. Gleichberechtigt, auf jedermann zugänglicher Bühne. Doch das Zeitfenster, um die Topoi „architektonische Moderne“ und „undemokratisches Regime“ umstandslos miteinander verkoppeln zu können, schließt sich auch wieder. In den zähen Auseinandersetzungen um den Erhalt von Warenhaus (vergeblich), Rundkino (erfolgreich) und Kulturpalast (noch offen) deutet sich die nächste Umwertung an: Die jetzt antretende Generation verteilt gerade die ästhetischen Bonuspunkte neu. Werden also, wie man uns heute stets Walter Ulbricht als den „großen Übeltäter“ nennt, auf künftigen Schandlisten der Stadtzerstörung Namen wie Stimmann und Boddien, Busmann, Roßberg, Just oder Langner v. Hatzfeld auftauchen?

Das soll keine Drohung sein. Es will nur Adolf Loos in Erinnerung rufen und seine sicher am meisten missachtete Empfehlung: „Einschneidende Änderungen des alten Stadtbildes dürfen nur aus praktischen, niemals aber aus ästhetischen Gründen erfolgen. Denn ästhetische Gründe unterliegen der Wandlung, und da wir bisher immer unrecht gehabt haben, werden wir in alle Zukunft unrecht haben.“ In der Logik dieses Zitats ist es nur ein ganz kurzer Schritt von „ästhetisch“ zu „ideologisch“. Die mehrfache Erfahrung schroffer Leitbildwechsel im zurückliegenden 20. Jahrhundert sollte jeglicher Gesellschaft den Mut allzu hochfahrender Selbstdarstellung abkühlen. Sind es doch gerade die stolzen Fanale einer jeden Zeit, die von der nächstfolgenden mit besonderer Hingabe geschleift werden. Im Getümmel stürzen sich alle auf die Monumente zuerst.


Anmerkungen
[*] eine nicht lange währende Steigerung (nachträgl. Anm. 2018)
[1] Ingolf Roßberg 1990 in der Bauwelt
[2] Gunter Just: Dresden, auf dem Weg zu einer neuen Schönheit. In: ders. (Hrsg.:) Bauplatz Dresden. 1990 bis heute. Dresden 2003, S. 9
[3] Peter Richter: Engländer über der Stadt. Ausgerechnet die Pet Shop Boys zeigen, was in Dresden wirklich auf dem Spiel steht – die Ostmoderne. In: FAZ vom 23. Juli 2006


Erschienen in: der architekt 2/2013