Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Foto: W. Kil
Architektur / Architekten
Architekten sind auch nur Menschen. Warum sollen sie bei aller rasenden Dynamik ihres computerisierten Berufslebens sich nicht auch manchmal nach der Stille eines japanischen Gärtchens sehnen, um dort, im sanften Schattenspiel unaufgeregter Geometrien, sich von allem Gerangel mit der Komplexität zu erholen. Back to the Roots, könnte man das hier waltende Sehnsuchtsmotiv beschreiben, denn ist es nicht erstaunlich, wie in solch kontemplativen Momenten DAS HAUS selten mehr als vier gerade, glatte Wände hat und obendrauf am liebsten sogar ein steiles Dach?
 
Leinefelde. Foto: Gerhard Zwickert
Heimat Großsiedlung
Die Normalisierung der Planwelten der Moderne – des industriellen Häuser- wie auch des funktionalistischen Städtebaus – ist die nächste uns ins Haus stehende kulturelle Herausforderung, und zwar von Le Havre bis Wladiwostok. Wer meint, sich des ungeliebten Erbes durch einfaches Wegsprengen entledigen zu können, hat dessen rein materielle Ausmaße vermutlich verdrängt. Auch die Bausubstanz der Moderne ist Ressource! Das wirft man nicht weg. Das baut man um, und dann nimmt man es mit in die Zukunft.
 
Abrisse in Leinefelde. Foto: Gerhard Zwickert
Jenseits des Wachstums
Auch wenn jahrelang der Stadtumbau Ost mit seinen staatlich subventionierten Häuserabrissen die Debatten bestimmte, hilft es nicht, den Bevölkerungsschwund Ostdeutschlands nur aus der Perspektive der leidenden Wohnungswirtschaft zu betrachten. Der Wandel reicht tiefer, wir haben es hier mit Signalen einer Epochenwende zu tun. Zumindest für uns Europäer wird es höchste Zeit, den „Industrialismus“ als einen historischen Zustand zu begreifen, der nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende kennt.
 
"Tor nach Osten" in Kiew. Foto: W. Kil
Fenster zum Osten
Bei Reisen zu unseren östlichen Nachbarn befällt mich regelmäßig Bitterkeit: So viel Mut, so viel Kreativität damals, und heute so ignoriert, verachtet, ja gehasst! In der öffentlichen Wahrnehmung müssen ja die Bauten für das alte Regime herhalten, während ich immer an die Kollegen denke, die damals mit jedem dieser erstaunlichen Häuser kleine Triumphe feiern konnten. Viele Planer dieser Generation leben ja noch, lauter würdige und ganz wache Persönlichkeiten, die vom Systemwechsel um die Anerkennung ihrer Lebensleistung gebracht worden sind. Das ist schon tragisch.
 
Foto: Wolfgang Kil
Denkmal / Erinnerung
Während die Globalisierung kräftig dabei ist, die uns bekannte Welt neu zuzurichten, wachsen uns die Aufräumarbeiten der zuende gegangenen Epoche über den Kopf. Jetzt stehen Fabriken, Bahnhöfe, Kasernen, Werksiedlungen, auch Warenhäuser oder Kinos zur Ausmusterung an. Auf einmal wirkt alles irgendwie "historisch", denn alles ist ja vom Verschwinden bedroht. Mitten im Epochenwechsel erblüht dem Denkmalsgedanken also eine heftige Konjunktur; was aber seine Institutionen dann auch schnell überfordert.
 
Selbst (2009). Foto: W. Kil
Fotografie
Fotografie in der DDR profitierte auf sehr spezifische Weise von den inneren Defiziten des Systems. Anders als heute nämlich stieß sie auf eindeutigen Bedarf: Solange kontrollierte Massenmedien propagandistische Scheinwelten produzierten, jeder ernsthafte Gesellschaftskonflikt ein Tabu darstellte und das „wirklich Wirkliche“ aus dem öffentlichen Bewusstsein verbannt zu werden drohte, fiel Literatur, Film, Theater, Rockmusik und eben auch der Fotografie die Rolle einer Ersatzöffentlichkeit zu.