Wolfgang Kil Architekturkritiker und Publizist

Vom Heimischwerden
Fotos aus der „Gründerzeit“ von Leipzig-Grünau
Harald Kirschners Aufnahmen machen uns zu Zeugen eines geradezu archaischen Vorgangs: der Zivilisierung eines eben noch unwirtlichen Territoriums. In den hier protokollierten Alltagshandlungen werden Pfade getrampelt, Chancen ausgekundschaftet, Begabungen ins Spiel gebracht, Rituale erprobt, Normen erfunden. Diese Bilder zeigen, wie „Heimat“ letztlich nur herzustellen ist: als sozialer Prozess!
Auch Großsiedlungen eine eigene Geschichte gönnen
Warum aus Neubauten manchmal erst Altbauten werden müssen
Seit Mitte der 1970er Jahre, als die Wiederentdeckung der alten Innenstädte zu einem Paradigmenwechsel im planerischen Denken führte, werden in stadtpolitischen Debatten unentwegt Attacken gegen die Großsiedlung geritten. Andere Zeiten hatten andere Ideale.
Gropius-Stadt, Foto: W. Kil
Vergiftetes Geschenk
Zwei Arten, ein Jubiläum zu feiern
Die Fotokünstler waren dankbare Gäste, mit Kritik hielten sie sich zurück. Aber man nimmt wohl den Neubaukiez tatsächlich anders wahr, sobald man seine Zelte dort aufschlug. Und das Lamento über die „Unwirtlichkeit“ ist sowieso Mainstream, wenig originell. Also: Wer solche Gegenden nicht mag, soll die Finger von ihnen lassen.
Halle-Neustadt, 2014. Foto. W. Ki
Die Halde
Wer fährt schon freiwillig nach Marzahn-Nord, wo letzte Elfgeschosser sich wie eine Stadtmauer gegen das platte Umland auftürmen und wo vietnamesische und russische Geschäftsleute lauter Läden der „Havemann-Passagen“ gepachtet haben. Auf den letzten Metern vor Brandenburgs Äckern wächst so der Stadt unerwartet kulturelle Vielfarbigkeit und eine metropolitane Praxis zu, die man bislang nur in traditionellen Migrantenvierteln wie Kreuzberg erwartete.
Street market Marzahn, 2005. Foto: W. Kil
From Kreuzberg to Marzahn
New Migrant Communities in Berlin
Urban quarters passing through crises and decline are the very places where a city faces its next challenges. In the 1980s, in Kreuzberg you could learn how to cope with disappearing industrial work and the beginning of worldwide migrations. Today, in Marzahn and Hellersdorf, one can assess the fundamental changes after the Fall of the Wall: Berlin has become a frontier town, the doorstep of the East.
Peripherie als Ort
Das Hellersdorf-Projekt
Die DDR hatte ihre Altstädte auf dem Gewissen, weil sie sich weigerte, deren positive Werte anzuerkennen. Der Westen verachtet die Sozialbausiedlungen, zumal jene aus DDR-Produktion. Wird man ihm also deren Verkommen dereinst anzulasten haben? Mit dem „Hellersdorf Projekt“ gewinnt zum ersten Mal seit zehn Nachwende-Jahren eine Neubaustadt im Osten die konzentrierte Aufmerksamkeit einer hochkarätigen Kunstaktion.